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Iran im Umbruch : Je verbotener etwas ist, desto leichter ist es zu haben

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Einmal „fanatische Massen“

In diesen Iraner Tagen kommt mir öfter ein gefährlicher Gedanke, den ich mir halb verbiete, weil ich weiß, dass nur sehr wenig Wahrheit in ihm steckt und sehr viel Illusion: der Gedanke, dass eine Gesellschaft wie diese hier einen wacher und alerter macht. Dass ein Anhauch von Gefahr, von existentieller Unsicherheit, auch von Unrecht, das zum Improvisieren zwingt, einen jung hält, und dass die Trägheit und Erstarrung unserer Besitzstandswahrungs-Gesellschaft verglichen damit oft langweilig und ausweglos wirkt.

Aber diesem Reiz zu verfallen ist auch ein Zeichen von Dekadenz, denn alle Menschen aus solchen unsicheren Ländern, die ich kenne, sehnen sich nach nichts mehr als nach der langweiligen Sicherheit eines Staates wie Deutschland.

Die historische Stadt Isfahan
Die historische Stadt Isfahan : Bild: AFP

Einmal bekomme ich auch „fanatische Massen“ zu Gesicht: Am Freitag, dem islamischen Sonntag – auf dem berühmten Imam-Platz in Isfahan versammeln sich schon die Familien zum Picknicken und Entspannen –, wird vor dem Ausgang der Moschee eine Demonstration initiiert, die sich in erster Linie gegen Saudi-Arabien richtet, aber auf den Handzetteln, die den aus der Moschee Strömenden in die Hand gedrückt werden, um die Parolen zu skandieren, steht natürlich auch „Nieder mit den Vereinigten Staaten, nieder mit Israel“. Die Ordner kanalisieren diejenigen Gebetsbesucher, die mitlaufen und an ihrer Kleidung als Leute aus einfacheren Verhältnissen erkennbar sind, die Frauen alle konservativ schwarz gekleidet und verhüllt. Insgesamt ist es ein Zug von etwas mehr als fünfhundert Menschen. Auf halber Strecke längs des Platzes steht ein Einpeitscher mit Mikrofon auf einer Kiste, dahinter ist ein Kamerakran aufgebaut, von dem aus ein Fernsehteam die fäusteschwingenden Menschen im Moment der größten Lautstärke aufnimmt.

Die andere Realität

Die Demonstranten sind großenteils Familien, die kleinen Kinder hocken beim Vater auf den Schultern, und nach einer halben Runde um den Platz zerstreuen sie sich, legen Picknickdecken aus und treffen Freunde zum Feiertagsplausch oder werden mit denselben Linienbussen davongekarrt, die sie brachten. Das Fernsehteam hat seine Aufnahmen nach knapp zehn Minuten im Kasten, der Einpeitscher steigt von seiner Kiste und raucht mit seinen Freunden. Nach einer knappen Stunde gehört der Platz wieder den Menschen und den Fiakerkutschern für ihre Wettfahrten.

Ich will nichts verharmlosen. Es gibt die andere Realität. Ich glaube nur, die tiefere Wahrheit über ein Land, seine Menschen, seine Epochen findet sich nicht in den Medien, sondern in seiner großen Literatur. Nun denn: Wer etwas erfahren will über die iranische Spielart einer Revolution, in der immer das Lumpenproletariat die Macht der Straße übernimmt, das schöne Alte zerstört, sich rächt und sich bereichert, der lese Amir Hassan Cheheltans bei C.H. Beck erschienenen Roman „Teheran – Stadt ohne Himmel“. Und wer den Mut hat, in den Horror einzutauchen, den Unrechts- und Gewaltregime am Körper und an der Seele von Menschen begehen, der lese das Meisterwerk des Nestors der iranischen Literatur, Mahmoud Dolatabadis „Der Colonel“, auf Deutsch erschienen im Unionsverlag und ebenso wie Cheheltans Buch in Iran bis heute nicht veröffentlicht. Danach braucht es die Mahnungen und Meinungen eines Touristen ebenso wenig wie tendenziöse Medienberichte.

Immer wird ein anderes Licht auf das Land geworfen: Die Wahrheit über Kultur und Menschen findet sich in der Literatur.
Immer wird ein anderes Licht auf das Land geworfen: Die Wahrheit über Kultur und Menschen findet sich in der Literatur. : Bild: Picture-Alliance

Am Vorabend meiner Abreise schüttelt ein seit Jahren in Iran ansässiger Europäer traurig den Kopf: „Der Westen hat nie wieder einen solchen natürlichen Alliierten in der Region gefunden wie Iran. Es wäre doch alles da. Die Zivilgesellschaft. Die Wirtschaftskraft. Die Kultur. Das Interesse der Menschen. Was wollen wir denn stattdessen mit den saudischen Barbaren? Es müsste sich nur etwas an dem Regime hier ändern, und das wäre der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.“

Ja, da müsste sich das eine oder andere ändern, und ein klein wenig müsste sich auch an unserer Einstellung ändern.

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