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Georgische Futuristengruppe : Fisch als bessere Krawatte

  • -Aktualisiert am

Was für ein Manifest! Bild: Abb. aus „H2SO4 – Futurismus und Dada in Tiflis“, Ciconia Verlag.

Sie saßen auf Bäumen oder auf Hausdächern und deklamierten von dort ihre Gedichte. Die georgische Futuristengruppe H2SO4 war nie so einflussreich wie die russischen Futuristen. Die jungen Künstler versuchten, ihren eigenen Weg zu finden.

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          „Von 1928 bis 1936 habe ich kein einziges Gedicht veröffentlicht. Diese Jahre habe ich für die künstlerische Umrüstung gebraucht, für die Befreiung von linken Rezidiven“ – das schreibt kurz nach 1960 einer der Begründer der einst berühmten Futuristengruppe H2SO4, Nikolos Tschatschawa, in seiner Autobiographie.

          Acht Jahre für die „Umrüstung“, für die Befreiung vom Linkssein, und das in der kommunistischen UdSSR! Dabei verstanden sich selbst die linken Futuristen in Georgien wie ihre Kollegen in Russland doch als die Avantgarde der bolschewistischen Partei in Literatur und Kunst. Georgiens Futuristen, die sich als Gruppe „H2SO4“ nannten, nach der chemischen Formel für die alles zersetzende Schwefelsäure, waren aber nie so einflussreich wie die russischen Futuristen, nie so populär wie etwa der in Georgien geborene russische Dichter Wladimir Majakowski. Die Gruppe, die aus mit Dadaismus und Futurismus sympathisierenden jungen Künstlern entstand, versuchte ihre eigenen Wege zu finden, näherte sich dabei aber mit der Zeit an die russische Bewegung LEF (Linke Front der Künste) an. Und hinterließ als Vermächtnis den Almanach „H2SO4“, der 1924 in einer einzigen Ausgabe erschienen ist und seit kurzem auch in deutscher Übersetzung vorliegt.

          Die jungen georgischsprachigen Futuristen wollten nicht als direkte Nachfolger der früheren russischsprachigen Futuristen von Tiflis angesehen werden. Sie hatten deren Blütezeit zwischen 1918 und 1920 nicht miterlebt, aber Kirill Sdanewitsch, damals Mitglied des „Syndikats der Futuristen“ (und Bruder von Ilia Sdanewitsch, der die Gruppe „41°“ mitbegründete), arbeitete später mit H2SO4 zusammen. Dazwischen lag das Wendejahr 1921 – die Besetzung Georgiens durch die russische Rote Armee und das Ende der unabhängigen Demokratischen Republik Georgien.

          Ebenso wollte die Gruppe H2SO4 nicht mit Dada assoziiert werden, galt doch Dadaismus im offiziellen sowjetischen Verständnis als dekadent. In einem Exemplar des Almanachs, das der Schriftsteller Ioseb Grischaschwili auf dem Markt erstanden hatte und in seiner Bibliothek aufbewahrte, gibt es auf der ersten Seite lustige, aber sachkundige Anmerkungen von unbekannter Handschrift neben den Namen der Mitwirkenden: Beno Gordesiani – Maler Dadaist, Nikolos Tschatschawa – waschechter Futurist, Irakli Gamrekeli – Maler Futurist, Pawlo Nosadse – waschechter Dadaist, Jango Gogoberidse – reiner Dadaist, Akaki Beliaschwili – Futurist, Bidsina Abuladse – Futurist, Simon Tschikowani – eindeutig Futurist, Nikolos Schengelaia – Komfuturist (eindeutig), Schalwa Alchasischwili – Komfuturist. Der Einfluss des Dada und des früheren Futurismus auf die Gruppe ist jedenfalls in deren Handlungen, Texten und visuellen Darstellungen zu spüren.

          Spielerische Umgang mit georgischen Buchstaben

          Sie hatten später noch zwei Zeitschriften herausgegeben – „Literatura da sxva“ (Literatur und anderes) im gleichen Jahr 1924 und zwei Hefte von „Memarzcheneoba“ (die Linke) in den Jahren 1927 und 1928, aber diese visuelle Bewegtheit und Dynamik wurde nicht mehr erreicht, ja sogar scheinbar gar nicht mehr versucht. Der frühe Almanach knüpft stark an die Tradition der Tifliser Avantgarde an – ein besonders spannendes Beispiel dafür ist der 1919 herausgegebene Almanach „Fantasticheski kabachok“ (Phantastische Kneipe), der durch die typographische Gestaltung von Ilia Sdanewitsch hervorsticht. Neu ist aber der spielerische Umgang mit georgischen Buchstaben und nicht wie früher mit dem russischen Alphabet. Verantwortlich für die Gestaltung des Almanachs war Beno Gordesiani. Er ist ebenso wie Irakli Gamrekeli, der später zu einem der wichtigsten Bühnenbildner avancieren sollte, im Almanach mit futuristischen Bildern vertreten.

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