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Im Gespräch: Herfried Münkler : Die gemeine Waffe

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Sie haben den Begriff der „Asymmetrie des Krieges“ geprägt. Kann der Einsatz von Drohnen als Versuch gesehen werden, die Asymmetrie, die durch die Kriegsführung von Terroristen entstanden ist, wieder auszugleichen?

Exakt. Nur muss man wissen, worin die Asymmetrie von Partisanenkrieg und Terrorismus gegenüber dem klassischen Krieg liegt. Es ist eine Asymmetrie der Zeit. Wenn Mao Tse-tung den Partisanenkrieg als den lange auszuhaltenden Krieg bezeichnet, dann ist das Argument: Wir haben eine erhöhte Opferbereitschaft, die ihr nicht habt, und deswegen werden wir am Schluss gewinnen. Was die Drohne ausmacht: Sie löst eine Form von Krieg auf, der einen Anfangspunkt und einen Endpunkt hat oder haben soll, durch die Permanenz ihrer Gefechtsfähigkeit. Das ist die Antwort auf die größere Zeitverfügung von Irregulären und Terroristen, aber das macht die Drohne auch problematisch, weil . . .

. . . wir im permanenten Kriegszustand sind.

Und es gar nicht mehr wissen. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass ein Großteil der US-Drohnen von Geheimdienstleuten gesteuert wird. Es ist eine Form der Kriegsführung, die nicht mehr genuin militärischer Art ist. Von einer Resymmetrierung kann man aber sprechen, denn im Prinzip sind natürlich auch terroristische Akteure jederzeit angriffsfähig. Insofern ist die Drohne das Äquivalent zu terroristischen Selbstmordattentätern. Sie ist das Äquivalent einer technologisch überlegenen Gesellschaft, die keine Opferbereitschaft abrufen muss, sondern sagt: Wir haben Geld, mit dem wir Technologie finanzieren. Das finden viele frivol.

Drohnen haben immer auch etwas mit Überwachung zu tun.

Ja. NSA als eine Form des Aufspürens dieser Leute, Drohnen als eine Form des schnellen Angreifens dieser Leute in einer Form, die nicht als Krieg erscheint, von der wir in der Regel auch nichts wissen oder es allenfalls im Nachhinein mitbekommen . . .

. . . die aber Krieg ist.

Das Problem ist vielleicht, dass das 21. Jahrhundert durch die Auflösung der Trennlinie zwischen Krieg und Frieden gekennzeichnet ist. Das sehen wir auch im Donbass: eine Mischung aus Krieg und Frieden. Putin bemüht sich offiziell um den Frieden, gleichzeitig zündelt er. Dass Krieg und Frieden binäre Begriffe sind und es kein Drittes gibt, das ist vorbei. Das werden die Formen des Gewaltgebrauchs des 21. Jahrhunderts sein. Man kann ihnen nicht mit der Perspektive des alten Heldentums begegnen.

Diese hybriden Formen der Kriegsführung, von denen Sie sprechen, diese Mischung aus politischer Täuschung, militärischem Eingreifen, Propaganda, haben mit Symmetrien und Asymmetrien eigentlich nichts mehr zu tun, oder?

Nein, wir kommen nicht mehr in die Zeit der Symmetrie zurück, wo sich zwei Helden verabredet haben, um herauszubekommen, wer im Kampf der bessere Mann ist. Diese Zeiten sind vorbei. Wir wollen aber nicht vergessen, dass es in unseren postheroischen Gesellschaften eine Reihe von Leuten gibt, die diese Gesellschaft langweilig und spießig finden und nach Syrien zum IS gehen, um dort die Wahrheit des Lebens oder den Reiz des Opfers zu erfahren.

Wie reagiert man auf diese neuen, hybriden Formen der Kriegsführung?

Wir müssen realisieren, dass die Vorstellung, die in den 1990er Jahren von Jürgen Habermas, Ulrich Beck und anderen vertreten worden ist - nämlich: Wir setzen den Frieden und die Prosperität im globalen Maßstab durch -, gescheitert ist. Der hybride Krieg ist längst ein ständiger Begleiter unseres Friedens geworden.

Interview Julia Encke

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