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Im Gespräch: Herfried Münkler : Die gemeine Waffe

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Die Kritik des Gaskriegs und die Kritik des Drohnenkriegs sind dort verbunden, wo es um das Ethos des Kämpfers geht. Das Erstaunliche ist, dass die Drohne in einer postheroischen Gesellschaft kritisiert wird, aber mit den Argumenten des Heroischen, die den Kampf Mann gegen Mann fordern. Wichtig ist, dass es eigentlich nie die Kämpfer selber sind, die den Krieg intensivieren, sondern die Intellektuellen. Die Techniker, die die Armbrust erfinden, oder Fritz Haber, um bei ihm zu bleiben, sind eigentlich keine Krieger. Das sind die Konstrukteure, Wissenschaftler und Erfinder im Hintergrund, denen es nicht um die Akkumulation von Ehre, sondern um die Effektivierung der Gefechtsführung geht. Und da gibt es sicherlich auch eine Linie, die weitergeht zur Drohne, insofern auch hier derjenige, der das Gerät steuert und die Hellfire-Raketen abschießt, nicht auf dem Gefechtsfeld oder in der Drohne sitzt, sondern irgendwo in den USA . . .

. . . in Nevada . . .

. . . in einem klimatisierten Container, vielleicht eine Cola neben sich und, ohne in einer reziproken Gefahrensituation zu sein, seine Entscheidungen trifft und die Raketen abschießt. Wobei die Kollateralschäden der Drohnenangriffe deutlich niedriger sind als die von Jagdbombern.

Die Statistiken über die Kollateralschäden werden allerdings sehr kritisiert.

Es ist aber doch nachvollziehbar, dass bei einem Drohnenangriff der Angreifer sehr viel mehr Beobachtungszeit hat als der Pilot eines Jagdbombers. Nehmen wir den Fall Kundus und Oberst Klein. Mit einer Drohne wäre das wohl nicht passiert. Da hätte man festgestellt, dass viele Kinder vor Ort sind. Die Frage nach den Kollateralschäden spielt in der ethischen Debatte über die Kampfdrohne aber gar keine Rolle. Eine Rolle spielt, dass hier einer zum Jäger wird, der von den Gejagten am Boden nicht seinerseits angreifbar ist. Das ist etwas, was wir als gemein und hinterhältig wahrnehmen.

Der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler

Einer der bekanntesten Kritiker von Drohneneinsätzen ist der französische Philosoph Grégoire Chamayou. In seinem Buch „Ferngesteuerte Gewalt“ verurteilt er, dass der Soldat zum Scharfrichter werde, einer „Ethik von Henkern und Vollstreckern“ folge, „nicht mehr von Kämpfern“. Ist das nicht ein ziemlich veraltetes Soldatenbild?

Man hört bei Chamayou noch mal die Hacken knallen. Es ist eine Kriegerethik, mit der er argumentiert. Das ist schon verwegen, weil wir nun einmal eine postheroische Gesellschaft sind, gekennzeichnet durch zwei Elemente: Eine niedrige demographische Reproduktionsrate. Es gibt nicht mehr die überzähligen jungen Männer fürs Schlachtfeld. Und die Vorstellung des Sich-selbst-Darbringens auf dem Altar des Vaterlandes ist uns völlig fremd. Wir beobachten eine Verpolizeilichung des Krieges. Es werden Ziele verfolgt, die als Investitionen in die Zukunft des Interventionsgebiets bei Minimierung eigener Verluste zu verstehen sind. Insofern argumentieren die Kritiker der Drohne mit dem Ethos des 19. Jahrhunderts gegen die Waffen des 21. Jahrhunderts. Hegel hat die Waffen als „das Wesen des Kämpfers“ bezeichnet - Drohnen sind die typischen Waffen der postheroischen Gesellschaft. Da gibt es kein Kriegerethos und keine Ästhetik des Kampfes. Es gibt lediglich die Effektivität der Gefechtsfeldbewirtschaftung.

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