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Im Gespräch: Herfried Münkler : Die gemeine Waffe

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Das Entscheidende ist eigentlich gar nicht, dass es nicht riecht, sondern dass es klebt. Das Problem des Einsatzes von Gas ist ja, dass es sich verflüchtigt. Das hat Vorteile, wenn man anschließend mit eigenen Truppen durchstoßen will und das Gelände wieder begehbar sein soll. LOST ist etwas anderes. Es hängt am Boden. Die Deutschen hatten für ihre verschiedenen Gase ja Farben: Weißkreuz geht auf die Augen, Blaukreuz auf Nase und Rachen, Grünkreuz auf die Lunge, und Gelbkreuz ist LOST . . .

. . . das die Organe zersetzt.

Ja. Und das, was die Überlegenheit der deutschen Gaskriegführung im Spätherbst 1917 und Frühjahr 1918 herstellt, ist das „Buntschießen“. Oberst Georg Bruchmüller („Durchbruchmüller“) hat das erfunden, nämlich dass er zunächst die Gegend für die Lunge oder die anderen Sinnesorgane verseucht und dann LOST reinschießt. Das hat die Wahrnehmungs- und Abwehrfähigkeit des Gegners überfordert - ein taktischer Vorteil auf dem Gefechtsfeld.

Es gab im Ersten Weltkrieg drei große waffentechnische Neuerungen: Panzer, Luftkrieg, Gas. In der Weimarer Republik war die Angst verbreitet, dass es in einem nächsten Krieg zu Gas-Luft-Angriffen kommen würde. Dazu kam es nicht. Warum nicht?

Vermutlich wegen der Reziprozität. Wenn die deutsche Luftwaffe 1940 im Kampf um die Lufthoheit über England auf London Gas abgeworfen hätte, dann hätten ein paar Tage später die Briten ihrerseits auf das Ruhrgebiet Gas abgeworfen. Man konnte also keinen Vorteil erringen. Vermutlich kommt im Falle Hitlers dazu, dass er, weil er selbst durch Gas verwundet und eine Zeitlang erblindet war, es als eine „weibische“ Waffe begriffen hat. Das Interessante ist aber, dass Gas nach 1918 in Kolonialkriegen eingesetzt worden ist. Die Gegner hatten kein Gas, es konnte also nichts zurückkommen. In einer solchen Situation ist es eine Massenvernichtungswaffe mit entsprechenden Terroreffekten.

In den Konzentrationslagern gab es Zyklon B. Peter Sloterdijk hat in seinem Buch „Luftbeben“ eine historische Linie gezogen vom 22. April 1915 über die 1919 gegründete Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung bis hin in die Gaskammern der KZs. Teilen Sie seine Ansicht, dass man diesen Bogen historisch ziehen kann?

Man kann das natürlich. Aber ich würde es nicht für plausibel halten, denn dieser Bogen eliminiert alle Formen von Kontingenz aus den historischen Abläufen. Zyklon B ist der Versuch, den Massenmord zu systematisieren, nachdem die Erschießungskommandos Probleme hatten, ihn auf diese Weise durchzuführen. Dass es Gas war, das dafür verwendet wurde, halte ich dabei eher für zufällig. Aber wenn man in der Geschichte Kontinuitäten, Sinn und Zusammenhang sucht, dann findet man den Weg von Ypern nach Auschwitz.

Ist es nicht auffällig, dass in ähnlicher Weise wie über das Gas als „heimtückische Waffe“ gesprochen wurde, heute über den Einsatz von Drohnen gesprochen wird? Die gelten auch als hinterhältig.

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