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Die Fifa vor der WM : Das Endspiel

Im Tunnel zum Hotel

Heute dagegen erleben wir eine besondere, tendenziell explosive historische Konstellation. Sie hat auch dazu geführt, dass Begeisterung und Vorfreude nicht mehr wachsen, je näher das Turnier rückt. Und diese gedämpfte Stimmung hat, dies nur am Rande, wenig mit der undurchsichtigen Verfassung der deutschen Mannschaft zu tun. Eine selbstverständliche, wenn man so will: eine fundamentale Voraussetzung des Fußballs ist zutiefst erschüttert. Elias Canetti hat in „Masse und Macht“ ein treffendes Bild für sie gefunden, als er schrieb, im Stadion wende man dem Alltag den Rücken zu - was heute natürlich auch, mehr oder minder, für das Milliardenpublikum vor den Fernsehgeräten gilt.

Bei der WM in Brasilien ist diese Haltung für jeden, der noch halbwegs bei Bewusstsein ist, unmöglich geworden. Und man muss sich deshalb auch fragen, wovon genau wir reden, wenn wir von dieser WM reden. Wer vom „jogo bonito“ schwärmt und glaubt, all die sepiagetönten Mythen von Pelé, Garrincha und dem Zauberfußball hervorkramen zu sollen, der kann von Polizeieinsätzen in den Favelas nicht schweigen; wer dem ewigen Duell Italien gegen England in Manaus entgegenfiebert, der sollte nicht bloß wissen, dass in Manaus kein Erstligist spielt und der Stadionbau dort sinnloser war als das Opernhaus in Iquitos, für das Werner Herzog in seinem Film „Fitzcarraldo“ ein Schiff über einen Berg ziehen ließ; er sollte auch wissen, dass Englands Spieler in einem Hotel in Rio wohnen, von dem aus der einzige Weg zum Flughafen durch einen Tunnel führt, den auch brasilianische Aktivisten wie Polizisten gut kennen.

Ebenso wenig kann man der Frage ausweichen, wie die durchgreifende Ökonomisierung des Fußballs und die Konstruktion einer stromlinienförmigen, keimfreien Stadionwelt das Spiel selbst erfasst haben. Es gibt, unübersehbar und unabhängig von Systemen, auf dem Rasen das eine oder andere Pendant: den brutalen (Selbst-)Optimierungsdruck, den Trend zur Uniformität der Spielweisen, der dazu geführt hat, dass sich der Fußball Sportarten wie Basketball oder Handball angeglichen hat, die viel stärker von einem Repertoire einstudierter Spielzüge leben.

Das ist nun keine dieser früher so beliebten Analogien, in denen Netzers Pässe und das offensive Spiel den Geist der Brandt-Ära versprüht haben sollten, wogegen Berti Vogts’ Truppe die Fortsetzung von Kohls Politik mit fußballerischen Mitteln gewesen sei. Was, zum Beispiel, sollte der Ballbesitzfußball à la Guardiola verkörpern im Kontrast zu Mourinhos ausgefeilten Defensivstrategien? Und was Letzterer im Vergleich zum überfallartigen Umschaltspiel nach laufintensivem Pressing, wie es Diego Simeone bei Atlético Madrid einstudiert hat?

Stranguliertes Spiel

Klar wäre es verführerisch, im „Strangulationsfußball“ (Bert Rebhandl) der Barcelona-Schule ein übersteigertes Kontrollbedürfnis zu entziffern, das auf unheimliche Weise mit unserer Zeit der gläsernen User und der Hypertransparenz korrespondiert - und in Beton-Defensive und hochtourigem Umkehrspiel den trotzigen Impuls der Verweigerung. Doch jenseits der taktischen Feinheiten, welche vor allem diejenigen beherrschen müssen, die auf dem Rasen stehen, ist jedes Fußballspiel ja immer auch eine Erzählung, die nicht nur im Stadion spielt, sondern auf Bildschirmen und Endgeräten zwischen Finnland und Feuerland. In dieser Erzählung werden gerade bei Weltmeisterschaften Drama und Spezialeffekte erwartet wie von einem Hollywood-Blockbuster: Kartenflut und Rudelbildung, Verlängerung mit Elfmeterschießen, tragische Gestalten, Tränen und schweißverklebte Heroen. Duelle einander taktisch neutralisierender Teams sind dagegen beim großen Publikum mittlerweile so mäßig beliebt wie Arthouse-Filme.

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