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: Die Fesseln der Wirklichkeit sprengen: Bildungsarbeit in der Gefangenenbücherei der Justizvollzugsanstalt Münster

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Dreieinhalb Arbeitsstellen sind für sämtliche Büchereien in deutschen Gefängnissen zuständig, allein zwei davon befinden sich in Nordrhein-Westfalen, und eine von ihnen - in Münster - hat der diplomierte Theologe und Bibliothekswissenschaftler Gerhard Peschers inne.

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          Dreieinhalb Arbeitsstellen sind für sämtliche Büchereien in deutschen Gefängnissen zuständig, allein zwei davon befinden sich in Nordrhein-Westfalen, und eine von ihnen - in Münster - hat der diplomierte Theologe und Bibliothekswissenschaftler Gerhard Peschers inne. Vor anderthalb Jahren wurde Peschers' Name bekannt, weil die von ihm geleitete Gefangenenbücherei der Justizvollzugsanstalt Münster mit dem Preis für die "Bibliothek des Jahres 2007" ausgezeichnet wurde. Es war das erste Mal, dass eine Einrichtung hinter Gittern zur besten Bibliothek Deutschlands gekürt wurde, und seitdem wissen wir etwas mehr über Bücher im Knast. Etwa, dass von 520 Häftlingen in Münster rund achtzig Prozent die Bücherei benutzen. Dass Gedrucktes für die Gefangenen wichtiger ist als Fernsehen (F.A.Z. vom 29. Oktober 2007). Und dass es seit Dezember 2006 einen "Förderverein Gefangenenbüchereien" gibt, der die Unterstützung aus allen gesellschaftlichen Bereichen kanalisiert.

          "Es begann 2005", erzählt Peschers, "als unsere Bibliothek kernsaniert wurde und ich mich fragte, wie der Kreis der Spender gepflegt werden könnte." Vielleicht ist der helle, fröhliche Raum, den das Architekturbüro Bolles + Wilson in Münster gestaltet hat, der beste Grund, an den Sinn von Literatur hinter Gefängnismauern zu glauben. Natürlich ist die Benutzung strengen Regeln unterworfen. Jeder Häftling darf die Bücherei nur einmal pro Woche für eine Viertelstunde betreten und dabei sieben Medien ausleihen. Ein Stundenplan sortiert den Zugang unter den Gefängnisflügeln. Die Spiegel an den Seitenwänden, erzählt Gerhard Peschers, dienten nicht nur der optischen Vergrößerung des keilförmigen Raums, sie seien auch eine Metapher für die Existenz, zu der Bücher den Häftlingen verhelfen könnten: Sie werfen ihm sein Bild zurück, zwingen zur Selbstreflexion - und sollen der Gesellschaft draußen von denen erzählen, die weggesperrt sind.

          "Das Gefängnis sind wir selbst", sagt Peschers, "es ist der Spiegel, in den die Gesellschaft hineinschauen sollte, ihre Schattenseite." Das formuliert sich leichter mit einem Glaubensfundament. Mehr als fünfzehn Jahre gehörte Peschers der Brüdergemeinschaft der Canisianer an, davor besuchte er ein katholisches Jungeninternat am Niederrhein. Es muss etwas an geschlossenen Männerwelten sein, das ihn anzieht und Ideen freisetzt. Das Gefängnis erlaubt ihm, die verschiedenen Stationen seiner Ausbildung zu verbinden. "Geschwisterliche Liebe" nennt er sein Ideal.

          Zehntausend Titel hat die Bücherei, ein Fünftel davon in dreißig Fremdsprachen, dazu CDs und DVDs. Inzwischen haben bekannte Schriftsteller wie Bernhard Schlink und Sten Nadolny in der Münsteraner Gefangenenbücherei gelesen und sind dem Förderverein beigetreten. Günter Kunert ist Ehrenmitglied. Erich Loest hat für seine Lesung zum ersten Mal seit vierzig Jahren wieder ein Gefängnis betreten.

          Mit den dreißigtausend Euro Preisgeld, so Peschers, sollen allerdings keine Haushaltslücken gestopft, sondern nachhaltige Projekte gestartet werden. Einen Satz von Kunert zitiert er gern: "Von der Lektüre gefesselt, fallen die Fesseln der Wirklichkeit." PAUL INGENDAAY

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