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Terrorgruppe Eta löst sich auf : Baskenland ist abgebrannt

So verkündete die Eta 2011 das Ende des bewaffneten Kampfes. Jetzt löst sie sich ganz auf. Bild: AP

Die Selbstauflösung steht kurz bevor: Die Terrorbande Eta ist an Auszehrung gestorben. Ein Rückblick auf vier Jahrzehnte der Gewalt.

          Der Schritt war erwartet worden, insofern hielt sich die Überraschung in Grenzen. Doch mit der Selbstauflösung der baskischen Terrorbande Eta, die am 5.Mai in Frankreich vollzogen werden soll, schließt sich ein Kapitel der neueren spanischen Geschichte, das Mord, Angst und Verzweiflung über das Land gebracht hat. In gut vierzig Jahren sind 829 Menschen getötet (manche sprechen von bis zu 858 Todesopfern) und viele hundert verletzt worden; haben zahllose Menschen Familienangehörige, Freunde und Kollegen verloren. Lange Zeit gab es in der baskischen Gesellschaft keinen Ort, geschweige denn Respekt für ihre Trauer.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Und das bei einer wahrhaft monströsen Bilanz der Mordtaten. Im Jahr 1978 waren 65 Tote zu beklagen, im Jahr darauf 86 Tote, und 1980, dem absoluten Höhepunkt der Gewaltwelle, 93 Mordopfer in einem einzigen Jahr. Gerade den spanischen Demokratisierungsprozess nach Francos Tod hat Eta mit Bomben und Genickschüssen begleitet. Die Propagandalüge vom Kampf der Separatisten gegen den Faschismus hätte damit eigentlich hätte erledigt sein müssen; doch das war nicht der Fall.

          Und so ging es weiter in das moderne Spanien hinein. Zu Zeiten der Regierung des Sozialisten Felipe González: drei Jahre mit mehr als je vierzig Toten. Niemand durfte sich sicher wähnen. Ministerpräsident José María Aznar überlebte vier Attentatsversuche, drei davon innerhalb von zwei Wochen. Diese Zeit, sie liegt noch gar nicht so lange zurück, und wen das Gedächtnis im Stich lässt, wer sich partout nicht vorstellen kann, was ständige Gewaltandrohung und willkürlich begangene Morde in einer Gesellschaft anrichten können, der lese „Patria“, den großen Roman des baskischen Schriftstellers Fernando Aramburu.

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          „Patria“ ist wie ein Brennspiegel dieses elenden, verlorenen halben Jahrhunderts in der Südwestecke des wohlhabenden Europa. Elend, weil mitten in einer demokratischen Gesellschaft die Sprache vergiftet und das Denken vernebelt wurde, weil Institutionen weggeschaut, Politiker sich blamiert und Opportunisten das Spiel der Terroristen gespielt haben. Verloren aber ist dieses halbe Jahrhundert, weil es nichts, wirklich nichts gebracht hat außer Schmerz und Zerstörung. „Politische“ Ziele? Die baskische Autonomie ist heute im Wesentlichen das, was sie seit 1978 war.

          Als Eta 2011 durch drei vermummte Leute das „Ende des bewaffneten Kampfes“ verkünden ließ, gestand die Bande widerwillig das eigene Scheitern ein. „Ohne unter der Kapuze zu zucken, versichern sie uns“, schrieb der Philosoph Fernando Savater damals spöttisch, „durch den bewaffneten Kampf hätten wir den glücklichen Augenblick erreicht, da wir auf den bewaffneten Kampf verzichten können.“

          Inzwischen versteht es sich von selbst, dass ein mörderischer Nationalismus dieser Art schärfste Ablehnung verdient; vor fünfzehn Jahren allerdings fanden deutsche Medien nichts dabei, höflich von einer „Separatistenorganisation“ zu sprechen und – ähnlich wie heute im Katalonien-Konflikt – auf die Unterdrückung der Basken in der Franco-Zeit hinzuweisen. Die Erinnerung an unsere eigene Terrorerfahrung im „Deutschen Herbst“ war offenbar nicht mehr stark genug. Manche fanden es sogar angebracht, der spanischen Regierung das zu empfehlen, worin deutsche Besserwisser schon immer besonders gut waren: „Dialog“. Das ältere Wort dafür, das man gemeinhin mit der Haltung Chamberlains vor Hitler illustriert, lautet „Appeasement“.

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          Als ich vor zwanzig Jahren nach Spanien zog, ließ ich mir nicht träumen, wie viele Dutzend Artikel zum Thema Eta ich schreiben würde. Glücklicherweise stellt man sich so eine Frage nie, denn Geschichte rollt sich nach vorn aus, ins Unbekannte. So musste ich wie alle meine Kollegen lernen, dass Etas „Waffenstillstände“ nur so lange hielten, bis sie durch einen neuen Mord gebrochen wurden; dass vorsichtige Gesprächsangebote der Regierung an die Adresse der Terroristen genau das falsche Mittel waren, um die Gewalt zu beenden; und dass es auch nichts brachte, sich die Eta-Terminologie zu eigen zu machen.

          Man blättert im Archiv und liest konsterniert, dass selbst der sozialistische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero im Sommer 2006 nach der Chance suchte, ein für allemal „den Frieden zu erringen“ – als hätte es im Baskenland zu demokratischen Zeiten jemals Krieg gegeben.

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