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„Die dritte Generation“ : Eine Groteske der Spät-RAF

  • -Aktualisiert am

Eine wirkliche Groteske der Spät-RAF ist dieser Film, gefilmt als B-Movie in der späten Ära Rainer Werner Fassbinder: Dominik Graf über „Die dritte Generation“ von Fassbinder, der alles schon früh durchschaut hatte.

          Deutschland, Land der Verbrecher. Die schlimmsten sitzen bei uns immer ganz oben in den Führungsetagen der Konzerne. Deshalb können wir uns nach allen Katastrophen immer gut auf sie herausreden. Nach 1945 ebenso wie nach der missratenen „Wende“ von '89.

          West-Berlin, Winter 1978/79, wieder eine andere Zeit: Die verschneite Gedächtniskirche, damals noch ein echtes Menetekel deutschen Größenwahns, ragt aus dem Kudammviertel wie eine Caspar-David-Friedrich-Ruine in den ehrlich zwischen Ost und West geteilten Himmel aus Blei. Im Herzrhythmus der Peer-Raben-Begrüßungsmusik pochen einem darüber die Namen der Schauspieler und der Teammitglieder entgegen, Godard-ähnlich, nach Anfangsbuchstaben geordnet. Darunter eine Rückfahrt vom Panorama-Shot aus dem Europa-Center, Fernseher kommen ins Bild. Drei nebeneinander, auf einem läuft das stille, radikale Selbstmord- ende von „Der Teufel möglicherweise“, dem damals aktuellen Bresson. Die Chefsekretärin Hanna Schygulla im beigefarbenen Kostüm schaut sich den Film im Chefbüro an. Und dann kommt gleich der Chef persönlich - Eddie Constantine - und will eine Telefonverbindung nach Houston/Texas. Texas, der Ort des Bösen - wie wir ja seit JFKs Ermordung wussten.

          Und wie wir es Jahre nach Fassbinders Tod sogar noch mal bestätigt bekamen in dem Errol-Morris-Dokumentarfilm „The Thin Blue Line“ (1988): „Never go to Dallas!“, hatte da die Mutter eigentlich ihrem Sohn, dem unschuldig wegen Mordes Verurteilten und um ein Haar vom Staat Texas gekillten Bürger Randall Addams aus Ohio, als Lebensmotto auf den Weg gegeben. Er hatte nicht darauf gehört. Der Dokumentarfilm „Thin Blue Line“ hat ihm dann das Leben gerettet.

          Regisseur Fassbinder produzierte seinerzeit drei Filme im Jahr

          Eine schön nervende, labyrinthische Fassbinder-Klangsoße

          Ja, Filme und Bücher können Leben retten, das war auch die Überzeugung in den Siebzigern. Und sie können und sollen auch ganze Gesellschaften ad hoc verändern - sonst taugen sie nichts, sagte man. Fassbinder dachte so einen Unfug natürlich nicht, wie man in der „Dritten Generation“ gut sehen kann: Weil ein Konzern zu wenig Computer verkauft, wird eine Terrorzelle benutzt, um mit der Entführung eines Industriellen der Öffentlichkeit und dem Staat die dringende Notwendigkeit zur total vernetzten Überwachung vor Augen zu führen.

          Die Terroristen als unwissende Geburtshelfer der Diktatur. Ein Plot wie in „Nada“, dem Roman des genialen Krimi-Franzosen Jean-Patrick Manchette von 1974. Die RAF-Frauen und -Männer glaubten damals ja an eine exakt solche Entwicklung der Zeitgeschichte durch ihre Aktionen: Der Staat möge angesichts seiner Bedrohung bitte sein wahres, sein totalitäres Gesicht zeigen, und daraus resultiere dann bitte sehr ein sofortiger Volksaufstand. „Hahaha!“ - man sieht dabei förmlich Hark Bohms Gesicht in diesem Film vor sich, grausam verzerrt wie ein Lachsack.

          RWF zieht diesen RAF-Traum durch den Kakao seines bitteren Witzes und seiner - von Film zu Film wachsenden - inszenatorischen Virtuosität. Überall raunen hier die Nachrichten überlaut aus den Apparaten - weil: Achtung, man konnte ja jederzeit vom Staat abgehört werden! Die Tonebene quillt über von Off-Dialog und vom Geschwafel der Hauptpersonen, Worte, Worte, harte Kontraste in der Musik, eine schön nervende, labyrinthische Fassbinder-Klangsoße. Und oft haben sich seine Stammschauspieler im Tonstudio später ja auch noch gegenseitig nachsynchronisiert. Das muss ziemlich lustig gewesen sein, und man sollte schließlich immer versuchen, beim Arbeiten möglichst viel Spaß zu haben. Vor allem wenn man drei Filme im Jahr raushaut, wie es Fassbinder damals tat.

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