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Die Dinge des Sommers (6) : Schwarz, gelb, böse

Ein Maul wie ein Werkzeugkasten - und der schwarz-gelbe Bösewicht weiß es auch einzusetzen Bild: dapd

Noch bevor Meister Yoda, Nietzsche und Schopenhauer die Menschen vor dem Bösen warnen, lehren uns Wespen, dass es auf dieser Welt nicht immer gerecht zugeht.

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          Ich hatte einen Schulkameraden, der strenger Vegetarier war. Einmal schlug er neben mir sein Schulbuch auf, und über zwei Seiten erstreckten sich die Reste einer erschlagenen Wespe. Wie sich das mit seinem Verständnis von Respekt vor tierischem Leben vereinbaren lasse, fragte ich. Bei Wespen mache er da eine Ausnahme, erklärte er, die seien keine Lebewesen, sondern Plagegeister. Das leuchtete mir ein.

          Andreas Nefzger

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Man muss sie sich nur in Nahaufnahme ansehen. Dieses Maul, als hätte jemand seinen Werkzeugkasten darin abgestellt. Eine Wespe in Überlebensgröße, das gäbe einen schönen Schurken für einen Gruselfilm. Kinder fürchteten ihn nicht weniger als einen in der Kanalisation hausenden Clown mit spitzen Zähnen. Rein optisch gilt das natürlich auch für die meisten anderen Insekten. Aber Wespen gehören zu den wenigen Arten in diesen Breitengraden, bei denen Aussehen und Wesen übereinstimmen. Wespen stechen. Grundlos. Barfuß durch die Wiese laufen: geschwollener Fuß. Eis essen: geschwollene Lippe. Fahrrad fahren: geschwollene Wange. Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Kaum eine Annehmlichkeit des Sommers, die in der Erinnerung nicht von einem Wespenstich vergällt wird.

          Willkürlicher Angriff

          Meister Yoda, der kleine grüne Jedi-Ritter aus „Star Wars“, sagt einmal über das Wesen des Bösen: „Furcht ist der Pfad zur dunklen Seite: Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid.“ Ähnliches erzählen Mütter, Kindergärtnerinnen und andere mit Erziehung befasste Mitmenschen auch über Wespen. Verhalte dich ruhig, mach ihnen keine Angst, dann sticht sie auch nicht. Aber Wespen stechen nicht nur aus Furcht. Meine eigene Erfahrung reicht für valides statistisches Material. Das Gesetz der großen Zahl.

          Diese Willkür im Einsatz der eigenen Waffe ist es, was Wespen von anderen stechenden Insekten trennt. Selbst Stechmücken haben ihre Gründe. Klar, sie bringen einen um den Schlaf, ihre Stiche brennen und jucken. Aber es geschieht nicht grundlos. Schließlich sichert eine Stechmücke mit dem Blut anderer Wesen das Überleben ihrer Familie. Über ein solches Verhalten braucht sich der gemeine, fleischfressende Mensch nicht zu echauffieren.

          Das Böse um des Bösen willen

          Bei der Biene wiederum liegt der Fall vollkommen klar, trifft der Selbstverteidigungsvorbehalt bei ihnen doch tatsächlich zu. Und wie heroisch sie sind, wenn sie sich zum Äußersten entschließen: reißen sich selbst entzwei, um das Gemeinwesen zu schützen. Das ist edelmütig und zeugt von reinem Charakter. Selbst eine Zeichentricksendung wurde der Biene gewidmet.

          In der Rolle eines von Karel Gott besungenen Everybody’s Darling ist die Wespe undenkbar. Sie taugt allenfalls als Lehrmeisterin. In einer Gesellschaft, in der den Sandkastenstreit nicht mehr eine Handvoll Dreck, sondern der von der Erzieherin verordnete Sitzkreis entscheidet, in der den Streit über den grenzverletzenden Apfelbaum nicht mehr die Axt, sondern der Mediator löst, in so einer Gesellschaft lehrt die Wespe, dass es auf dieser Welt nicht immer gerecht zugeht. Eine behütete Kindheit vorausgesetzt, bringt einem spätestens sie bei, dass es das Böse um des Bösen willen gibt. Eine Weile bevor Kinder Lord Voldemort kennenlernen und lange bevor sie Schillers „Räuber“ lesen und darin den Satz: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.“

          In der schlechtesten aller Welten?

          Über diese einschneidende Erkenntnis hinaus fordert die Wespe geradezu heraus, sich den grundlegenden Fragen der Moral zu widmen. Von Kants „Kategorischem Imperativ“ oder Nietzsches „Sklavenmoral“ erfahren Heranwachsende, altersgerechte Neigung vorausgesetzt, frühestens in der Oberstufe. Aber spätestens beim ersten Wespenstich werden sie grübeln, ob sie es mit Mutters Rat halten („Was du nicht willst, was man dir tut, das füg auch keinem anderen zu“) oder mit dem kleinen Maulwurf aus dem Kinderbuch, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat (um demjenigen dann seinerseits auf den Kopf zu machen).

          Aber was hilft all die gedankliche Anregung, wenn man Familienangehörige bitten muss, dass Gift aus der Wunde zu saugen, weil man sich selbst auch mit größten Verrenkungen nicht helfen kann. Trost vermag allenfalls eine (nicht verbriefte) Anekdote über Schopenhauer zu spenden. Der Legende nach spazierte dieser durch den Taunus, als ein vorüberfliegender Vogel ein Päckchen falle ließ, das die blütenweiße Weste von Schopenhauers Begleiter beschmutzte. „Sehen Sie“, sagte Schopenhauer, „wie recht ich mit meiner Auffassung habe, dass wir in der schlechtesten aller denkbaren Welten leben.“ Der Besudelte widersprach: „Ich finde unsere Welt immer noch leidlich. Stellen Sie sich vor, die Kühe flögen in der Luft herum.“ Was Wespen angeht, könnte man dementsprechend den Gedanken tröstlich finden, dass Vögel keinen Stachel haben. Oder dass Igel nicht fliegen können. Oder man sieht in Wespen einfach einen Grund, sich auf den Herbst zu freuen.

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