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Die Dinge des Sommers (1) : Die praktizierte Anarchie der Menschen am Strand

  • -Aktualisiert am

Abendstimmung am Strand von Santa Monica, aufgenommen am vergangenen Dienstag Bild: dpa

In der ad hoc entstehenden Strandgesellschaft klappt spontan und täglich, woran wir diesseits der Düne so oft verzagen.

          5 Min.

          Einige Monate nach der Pleite der Lehman Brothers traf ich am Rande einer Veranstaltung einen klugen, reichen Finanzinvestor. Er vertrat seine rechtsanarchistischen Ansichten mit schönem, schwarzem Humor und amüsierte sich über die damals von allen Politikern so fromm vorgetragenen Ankündigungen, den Geldhandel alsbald zu zähmen. Wie wir heute wissen, lachte er damals zu Recht. Allerdings tat er sich den Wahnsinn seiner Branche auch nicht mehr an; er hatte, so ließ er durchblicken, ausgesorgt. Sein Leitspruch war: Ich kenne niemanden, dem das Geld ausgegangen ist, aber zu viele, denen plötzlich keine Zeit mehr blieb. Jemand fragte ihn, was er derzeit kaufe. Seine Antwort war knapp: „Sand. Sehr viel Sand.“ Seine kleine, feine Firma erwarb die Strände eines südamerikanischen Landes, so viel sie bekommen konnte. Das schien ihm die perfekte Anlage: Orte des Glücks. Niemand bereut am Strand verbrachte Zeit.

          Das Geld erklärt oft seine Liebe für den Sandstrand, was, wie oft in der Liebe, nicht so richtig passt, denn der Strand ist vielleicht der einzige Ort auf der Welt, an dem Geld überflüssig ist. Für die Reise dorthin braucht man etwas, keine Millionen freilich; aber einmal an einem öffentlichen Strand angelangt, gibt es keinen besseren Sand für Reiche, allenfalls kann ein größeres Badetuch ihnen etwas mehr Auslauf sichern. Und doch wirbt das Geld mit Sand: Wenn die besseren Finanzinstitute der Vereinigten Staaten, die großen Anlagegesellschaften und Versicherungen mit Zeitungsanzeigen in „Atlantic Monthly“ oder im „New Yorker“ werben, dann ist dies ihr bevorzugtes Motiv: ein Mann, ein Paar, kleine Kinder und ein Golden Retriever, alle grinsend oder weise lächelnd am Sandstrand. Die Strandszene symbolisiert das Glück, das auf Sorgenfreiheit beruht, die als Freiheit von Geldsorgen verstanden und versprochen wird. Und auch die deutschen Lebensversicherer, die Pharmafirmen, all jene, die wirklich überzeugen wollen, die jeden Skrupel mit warmer Brise wegpusten möchten, die bilden einen Strand ab. Sie haben Marketing bei Antoine de Saint-Exupéry studiert, und statt uns mit mühevollen Details und all dem Kleingedruckten zu behelligen, lehren sie uns „die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“

          Niemand kann einem das Recht nehmen, den Strand zu genießen

          Das ist natürlich ein Trick. Denn der Strand und die sich dort jeden Sommertag ad hoc neu bildende Gesellschaft sind unter jedem Aspekt das genaue Gegenteil des kapitalistischen, neoliberalen Gesellschaftsentwurfs und darum so unwiderstehlich, gerade auch für dessen inbrünstigste Propheten. Man erwirbt das temporäre Anrecht auf einen Flecken Badestrand nicht durch Geld oder Leistung, sondern indem man sein Handtuch drauflegt. Noch nie habe ich erlebt, dass dieses schlichte Prinzip nicht anerkannt würde. Mehr braucht es nicht, keine Eintrittskarte, keinen Ausweis, nicht mal Bürgerrecht oder Aufenthaltserlaubnis werden abgefragt.

          Ad-hoc-Gesellschaft ohne Zwang: Am Strand sitzt man aufs Unverbindlichste eng nebeneinander

          Es ist elementar: Niemand kann einem Menschen das Recht verleihen oder bestreiten, den Strand zu genießen. Darum sind Privatstrände eine Perversion, und darum wäre dem eingangs erwähnten Investor durch Gesetz Einhalt zu gebieten, man kann ja auch keine Luft besitzen. Am Strand sitzt man dann eng nebeneinander, tut in etwa das Gleiche, aber man ist in keinen Verein gezwängt. Niemand geht in Badehose von Tuch zu Tuch und stellt sich händeschüttelnd vor. Jeder macht dasselbe, dämliche und glückliche Gesicht, geblendet von all dem Licht und all der Luft.

          Gesetze und Verordnungen sind eingeklammert

          Versucht man, die am Strand geltenden Regeln aufzuzählen, so fällt einem, vielleicht auch wegen des ortsbedingten intellektuellen Abbaus, nichts ein, außer der einen, die jedes Kind hören muss: Streu keinen Sand in die Augen. Davon abgesehen, kann jeder tun und lassen, was er will, und dann ist es komisch: Die bevorzugten Tätigkeiten ähneln sich, mögen sie auch je anders ausgeführt werden. Verbuddeln im Sand, die Leute auf dem anderen Strandtuch studieren, zum Horizont blicken, bis der Kopf ganz leer und leicht ist. Und ins Wasser. Oder nicht. Es gibt keinen Stundenplan, kein Schedule und keine Liste mit Tipps und Tricks. Jeder kennt sich aus.

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