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Die Dinge des Sommers (1) : Die praktizierte Anarchie der Menschen am Strand

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Sicher, auch der Strand ist Staatsgebiet, auch dort gelten Gesetze und Verordnungen. Aber sie sind doch irgendwie eingeklammert. Man denkt nicht dran, und ihre Anwendung wird seltsamerweise auch nur sehr selten nötig. Nichts ist komischer als der Gendarm am Strand - Louis de Funès hat das ein für allemal klargemacht. Damals hatten Capitaine Cruchot und seine Truppe die Nacktbadenden in Saint-Tropez zu verfolgen, und ginge es immer noch nach Sarkozy, sollten sie heute die im sogenannten Burkakini badenden Salafistinnen jagen. Beides ist lächerlich.

Der Sand entlastet uns

Menschen am Strand praktizieren Anarchie. Die Obrigkeit ist zwar präsent, aber auf ihrem Hochsitz auch weit weg. Außerdem trägt sie rote Badekleidung und beschränkt ihre Funktion aufs Elementarste, nämlich Ertrinkende am Schopf aus den Fluten zu retten.

Der Sand sorgt, ist man einmal angekommen, für weitere Egalisierung, denn das ganze heißgeliebte und teuer erworbene digitale Gerät widersteht ihm nicht, irgend ein kleines Sandkorn findet sicher den Weg durch die Schnittstelle, und dann taugen diese Dinger höchstens als Beschwerer für die Zeitung, die weit länger durchhält. Der Sand leistet das, was so viele Bücher und Seminare versprechen, er entlastet uns, denn alles, was uns befrachtet und beschwert, wird von ihm unweigerlich angezogen und auf Nimmerwiedersehen verschluckt: Geldmünzen, Schlüssel, Uhren, Taschenmesser, Sonnenbrillen, der ganze Kram sinkt nach unten und ist fort, und man ärgert sich kurz, und dann hat man es vergessen. Man brauchte es gar nicht.

Nie einen Kampf um Anerkennung

Seltsam, wie wenig Fraktionen sich an einem weiten Strand bilden, wie derselbe Genuss auf so viele unterschiedliche Arten empfunden werden kann. Manche schwelgen in der Ausrüstung und dem Stolz, aus der Kühltasche ein großes Menü für die muntere Familie auftischen zu können; andere kultivieren die absolute Reduktion und tragen schon auf dem Fahrrad nur Badehose und das Handtuch um den Nacken. Aber es gibt keine Bekehrungsbemühungen der Ausgestatteten oder der Asketen, nicht mal Lektüre wird von einem Strandtuch zum nächsten empfohlen. Und all die Weite ist werbefreie Zone. Gut, die Natur lässt es auch nicht zu, sonst wäre es versucht worden, man hätte die See niveablau gefärbt und den Sand fantagelb oder umgekehrt. Nicht mal die Namensrechte der Strände sind meines Wissens je irgendwo verkauft worden, denn jede Werbung ist dort einfach lächerlich. Der Strand ist kein guter Ort, um Geld zu verdienen oder auszugeben. In der Werbung wird der Genuss eines Strandspaziergangs nach erfolgreich gesichertem Reichtum versprochen, aber es ist doch möglich, auch als Nichtmillionär, sogar als Habenichts und Bankrotteur dort spazieren zu gehen. Umgekehrt kann die herrschaftslose und kapitalfreie Strandgesellschaft zur Inspiration taugen: Der Genuss der Natur und der Zugang zu Nahrung und Wasser, zum Spiel der Elemente - warum muss das eigentlich viel kosten? Warum muss es überhaupt etwas kosten? Alles könnte anders sein. Aber wie?

In der Strandgesellschaft kann man es sich anschauen: In vier Jahrzehnten regelmäßigen Strandbesuchs habe ich nicht einmal eine Rempelei erlebt, nur sehr selten mal einen Ehekrach beobachtet, nie einen Kampf um Anerkennung gesehen und keine Diskussionen um Rechte und Pflichten geführt. Jeder Tag am Strand ähnelt dem folgenden, aber es ist ein angenehm geschichtsfreies Erlebnis, niemand hat Grund zu klagen, dass früher das Meer besser gewesen wäre.

Religion, Parteizugehörigkeit, sexuelle Orientierung, alles klar und doch egal. Vegetarier oder Salamikenner, Tattoo oder nicht Tattoo, alles geht, ohne beliebig zu sein, denn am Strand zelebriert jeder, was er ist, und er ist auf zauberhafte Weise damit zufrieden. Was jenseits der Düne zum Verzagen mühsam ist - auf der schmalen Öde des weiten Sandes klappt es spontan und ohne Absprache. Nach einem langen Tag am französischen Atlantikstrand, unter der Sonne der Freiheit, möchte man Michel Foucaults berühmten Satz einfach umstellen: Erst im Sand am Meeresufer erscheint das Gesicht des Menschen.

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