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Die Dinge des Jahres : Müll oder Museum

  • -Aktualisiert am

Die Benutzeroberfläche des Steve Jobs: eine Lunor „Classics round PP“ Bild: Kat Menschik

Alle loben die „Geschichte der Welt in 100 Objekten“ von Neil MacGregor. Er erzählt darin Geschichte anhand von Gegenständen. Leider endet das Buch 2010. Wir hätten drei Vorschläge für 2011.

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          Die Brille von Steve Jobs

          Die Uniform von Steve Jobs bestand aus New Balance Trainers, hellblauer Levi’s 501 und schwarzem Rollkragenpullover von St. Croix; das waren die Sachen, die einem ins Auge stachen, und zwar nicht besonders angenehm, wenn man das bei allem Respekt vor dem Toten mal so sagen darf. Aber das wichtigste Detail sah man fast nicht: Es war die Brille, randlos und rund. Das ist nicht nur deswegen bemerkenswert, weil Brillen, die als solche nicht erkannt werden wollen, doch deutlich aus der Mode gekommen sind zuletzt; dickes Horn rahmt stattdessen überall wieder selbstbewusst die Augen, neuerdings selbst die von Westerwelle, und schon wird gespottet, dass in Deutschland eigentlich nur noch Wulff und Rösler randlos tragen, was für alle drei bestimmt nichts Gutes zu bedeuten habe. Aber bei Steve Jobs hat die Randlosigkeit der Brille gleich etwas viel Programmatischeres. In ihr spiegeln sich alle Verheißungen des Jobsschen Wirkens, allerdings auch seine Perfidie.

          Jobs bezog seine Brillen von einem deutschen Hersteller, den Lunor-Werken im Schwarzwald, das Modell heißt „Lunor Classics round PP“ und war Jobs 450 Dollar wert, wie zu lesen stand; das heißt, er bediente sich für seinen privaten Durchblick genauso bei der handwerklichen Tradition des deutschen Mittelstandes wie seine Designer bei der Dieter-Rams-Ära der Firma Braun. Allein die Entwicklung des Nasenstegs habe fünf Jahre gedauert, war zu lesen. Außerdem hieß es, dass kreisrunde Gläser gar nicht gut seien für die Augen, weshalb auch Jobs’ Brillengläser in Wahrheit leicht abgeflacht waren; was am einfachsten aussieht, ist wie immer extra kompliziert.

          Aber die Form ist offensichtlich von hoher Bedeutung, rund ist die Brille des Erfinders, des Ingenieurs, des modernen Demiurgen, das hat nicht nur den Kneifer von Daniel Düsentrieb im Stammbaum, sondern vor allem natürlich die Brille von Le Corbusier: die beiden Bullaugen, die das „abreisefertige Aussehen“ (Ernst Bloch) der modernen Architektur im Gesicht des modernen Architekten schon vorwegnahmen und seine Sicht auf die Welt sozusagen zu der eines fahrenden Ozeandampfers machten. Bei Le Corbusier malte allerdings der dicke Hornrahmen noch zwei Autoreifen um die Augen, die den Anspruch, ein für alle Mal die Welt und das Leben der Menschen grundlegend umzubauen, mit einer gewissen Lautstärke verkündeten. Jobs, der in vermutlich weit größerem Maß Ernst mit diesem Umbau gemacht hat, war da subtiler, und so verhält sich auch seine Brille.

          Kaum jemand hat die Welt seiner Mitmenschen und sogar deren Verhaltensweisen in so kurzer Zeit dermaßen verändert wie Steve Jobs mit seinen Produkten, und das betrifft gar nicht mal nur die immer weiter auswuchernde Sphäre der Computer mit dem Apfel und der Dinge mit dem kleinen i davor. Bemerkenswerter ist, dass Jobs’ Leute mit ihren Computern sogar deren Nutzer programmieren, ihnen ganz neue Gesten antrainieren, die dann im Alltag auch in ganz anderen Zusammenhängen auftauchen. Das Wegwischen zum Beispiel. Zuerst wurden die Dinge des Lebens in Spielbergs Film „Minority Report“ dauernd mit der Hand sachte beiseitegewischt, kurz darauf wischte sich Steve Jobs zum ersten Mal öffentlich durch das Fotoalbum eines iPhones. Inzwischen gibt es immer mehr Zerstreute, die auch vor ihrem Fernseher versuchen, durch Wischen zum nächsten Programm zu gelangen, und wenn sie nur lange genug wischen, wird ihnen sicher auch dieser Wunsch erfüllt werden. Die Welt nähert sich dem Spielberg-Film an.

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