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Deutschlands Wetter : Der Sommer braucht neue Lieder

  • -Aktualisiert am

Zu viel Sonne, zu wenig Wasser. Das zeigt sich auch auf einem Sonnenblumenfeld im sächsischen Wildenhain. Die Pflanzen sind vertrocknet. Bild: dpa

Das Wetter spielt verrückt. Im April blühen die Rosen, im Juli zeigt der Holunder sein dunkles Septembergesicht. So geht es mit der Hitze nicht mehr weiter.

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          Was haben wir früher gelacht über Rudi Carrells Witz: „Ein Schaf war damals froh, wenn man es schor.“ Froh wären die Schafe heute, so teilt man uns gerade aus dem Büro der Stiftung Nordfriesland in Husum mit, wenn sie mit ihren Schnuten auf dem Deich noch etwas zu rupfen fänden. Nichts mehr da. Alles trocken. Kahl. Braun und gelb.

          Die Sommer-Zustandsbeschreibung „Das Freibad war schon auf im Mai“ ist inzwischen nicht mehr buchenswert. Wir hatten Ende April die ersten Rosen in Frankfurt. Ende April! Sechs Wochen zu früh! Mitte Juni war auf manchen Feldern Brandenburgs das Korn schon nicht mehr auf dem Halm; auf sportplatzgroßen Stellen hatte die Sonne, seit Ostern durch keine Wolke verdeckt, die Äcker verbrannt. Elstern schossen, irren Flugs, den Staren gleich, in die Süßkirschenbäume, weil sie Durst hatten, oder sie tranken die Eier aus den Nestern der Schwalben.

          In den Gärten traf man apathische Küken, die vor Durst depressiv waren und nicht mal mehr wegflogen, wenn man ihnen zu nahe kam. Es war ihnen sowieso schon alles egal. Verwirrte Gartenrotschwänzchen flatterten ins Zimmer und setzten sich auf Stuhlsprossen zwischen den Beinen, weil ihnen draußen alles zu viel wurde. Auch sie reagierten auf menschliche Nähe nicht mehr mit Fluchtinstinkten, sondern mit einer fast schon Bedürftigkeit signalisierenden Duldungsstarre.

          Da konnte man der Schöpfung ins Auge schauen, die, wie es ein großes Wort sagt, mit uns seufzt und sich ängstet. Die Lieder vom Sommer müssen neu gesungen werden. Dem kindlichen Malkasten von Drafi Deutscher ist längst die dazugehörige Welt abhandengekommen: „Schwarz wird der Himmel, wenn ein Unwetter droht, die Ernte wird zerstört, und du bist ohne Brot.“

          Gnadenlos golden strahlt das Un-Wetter inzwischen. Zerrüttet ist die Ordnung von Farbe und Zeit, die einmal unser Leben bestimmte. Weiß war der Frühsommer Anfang Juni, wenn Jasmin, Akazien und Holunder blühten; und der Spätsommer wurde violett Ende August, zur Zeit der Reife von Pflaumen, Brombeeren und Holunder. Jetzt ist es Juli, und an den Ufern der Nidda in Frankfurt sind die Hecken voll mit reifen Brombeeren, der Holunder zeigt sein dunkles Septembergesicht. In den Gärten blühen die ersten Dahlien. Hat man da noch Töne, Worte, Farben für den Sommer? So jedenfalls geht es nicht weiter.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

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