https://www.faz.net/-gqz-9fs7g

Kommentar zu Youtube : Brutalstmögliche Erpressung

Sie weiß, wie man Druck macht: Youtube-Chefin Susan Wojcicki Bild: Reuters

Die Youtube-Chefin Susan Wojcicki zeigt Europa, wo der Hammer hängt. Weil ihr das vom EU-Parlament beschlossene Urheberrecht nicht passt, sagt sie Nutzern, es könne zu „riskant“ sein, ihre Videos einzustellen. Das sind Fake News.

          2 Min.

          Dass es auch in der digitalen Welt ein Urheberrecht gibt, dass auch im Internet das Recht an geistigem Eigentum gilt, fürchten die Silicon-Valley-Konzerne wie der Teufel das Weihwasser. Schließlich beruht ihr Geschäftsprinzip, mit dem sie Milliardengewinne einfahren, darauf, mit den Inhalten anderer, für die sie nichts bezahlen, Geld zu verdienen.

          Insofern war der Beschluss des Europäischen Parlaments von Anfang September, eine Urheberrechts-Richtlinie zu installieren, für die Konzerne ein herber Rückschlag. Denn nun müssen sie nach Artikel 13 der Richtlinie Vorkehrungen treffen, dass auf ihren Plattformen keine Urheberrechtsverstöße stattfinden, sie werden haftbar gemacht und sind aufgefordert, mit Rechteinhabern Lizenzverträge zu schließen, ganz so, wie das unter ehrlichen Kaufleuten in der analogen Welt die Regel ist.

          Doch noch ist die Richtlinie nicht beschlossen, nach dem Beschluss des Europäischen Parlaments wird an ihr im sogenannten „Trilog“ mit der EU-Kommission und dem Rat der Minister gefeilt. Für die Konzerne ergibt sich somit nach dem Twitter-Gewitter und Massen-E-Mail-Bombardement, dem die EU-Abgeordneten in diesem Sommer ausgesetzt wurden, die nächste Gelegenheit, Druck auszuüben.

          In diesem Sinne hat Susan Wojcicki, die Chefin der Google-Tochter Youtube, den „Creators“ der Plattform nun einen Brandbrief geschrieben, der ein Paradebeispiel für Fake News ist. Denn in diesem Schreiben, mit dem sie dazu aufruft, sich über die konzernfinanzierte Seite „#saveyourinternet“ an die EU zu wenden, verdreht die Youtube-Chefin Ursache und Wirkung. Das fängt schon bei dem Begriff, der „beeindruckenden Kreativwirtschaft“ an, die durch das Urheberrecht gefährdet sei, und setzt sich fort mit „Millionen von Menschen“, die daran gehindert würden, Inhalte bei Youtube hochzuladen oder zu sehen. Eine „klare Bedrohung für euren Lebensunterhalt“ und die „Möglichkeit, euch weltweit Gehör zu verschaffen“, malt Wojcicki an die Wand.

          Warum? Weil die Urheberrechts-Richtlinie Unternehmen wie Youtube „zwingen“ könnte, „nur eine kleine Anzahl von Inhalten großer Unternehmen zuzulassen“. Es wäre, schreibt die Youtube-Chefin, „schlicht zu riskant, Inhalte von kleinen Videomachern zu präsentieren, da die Plattformen nun direkt für diese Inhalte verantwortlich wären“. Zu „riskant“? Dreister kann man eine Erpressung kaum formulieren: Weil Youtube den Aufwand scheut, Urheberrechte zu klären und seine Verantwortung als Unternehmen wahrzunehmen, droht es seinen „Creators“ und Nutzern mit Totalblockade und macht ihnen weis, dass das Recht an geistigem Eigentum das eigentliche Problem sei. So führt die Chefin des Youtube-Konzerns deutlich vor Augen, warum europäische Rechtsetzung nötig ist.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Kalter Lockdown in Manhattan

          Eingesperrt als Performance : Kalter Lockdown in Manhattan

          Für seine „One Year Performances“ ließ sich Tehching Hsieh von 1978 an fünfmal für je ein Jahr einsperren. Ein Gespräch mit dem taiwanischen Künstler über seine Erlebnisse in dieser Zeit.

          Topmeldungen

          Eberhard Zorn, Generalinspekteur der Bundeswehr, und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), bei einer Pressekonferenz im März 2020

          Kramp-Karrenbauer zum KSK : „Generalinspekteur Zorn hat Fehler gemacht“

          In der jüngsten Debatte über das KSK gesteht die Verteidigungsministerin Fehler ihres Generalinspekteurs ein. Der habe das Parlament nicht ausreichend informiert. Berichte über eine Ablösung von Kommandeur Kreitmayr weist sie als „Fake News“ zurück.
          Olaf Scholz im Willy-Brandt-Haus

          Finanzpolitik : Scholz will höhere Steuern für Besserverdienende

          Der Bundesfinanzminister will mittlere und untere Einkommen entlasten. Die derzeitige Finanzpolitik mit hohen, kreditfinanzierten Ausgaben zur Bekämpfung der Corona-Krise will er fortsetzen: „Da gilt es zu klotzen, nicht zu kleckern“, so Scholz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.