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Gina Thomas (G.T.)

Die Briten und ihr Union Jack : Damit die Schotten bleiben

  • -Aktualisiert am

Der Union Jack in steifer Brise Bild: Reuters

Nur nicht über die nach dem Brexit verstärkte Neigung zum Präsentieren der Nationalflagge spötteln: Wer es tut, bekommt in Großbritannien schnell Gegenwind.

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          Die Tories haben sich seit jeher in die britische Fahne gehüllt und sich als die Partei der Patrioten, der Union und, als dieses noch bestand, des Empire präsentiert. Neuerdings kommt der Union Jack im Brexit-Geist der nationalen Selbstständigkeit bei ministeriellen Auftritten noch prominenter zum Einsatz. Im neuen, noch ungenutzten Pressekonferenzraum, den Downing Street gerade für knapp drei Millionen Pfund ausstatten ließ, um Journalisten künftig im Stil des Weißen Hauses täglich zu informieren, prangen vier üppige Fahnen vor der tory- oder königsblauen Wand hinter dem Rednerpult – doppelt so viele wie bisher bei den Corona-Pressekonferenzen im Amtssitz des Premierministers.

          Besonders eifrige Minister präsentieren sich bei Zoom-Interviews ebenfalls gern mit Nationalflagge. Zwei BBC-Moderatoren zogen dieser Tage den Zorn von Twitterpatrioten auf sich, als sie spotteten, die Fahne im Büro des Wohnungsministers Robert Jenrick entspreche wohl nicht der für Regierungs-Interviews vorgegebenen Größe. Eine konservative Abgeordnete konterte, diejenigen, die nicht stolz seien auf ihre Fahne oder die Königin sollten doch das Land verlassen. Der ehemalige BBC-Moderator Andrew Neil stichelte, die BBC vergesse mitunter, wofür das B am Anfang von British Broadcasting Company stehe. Der Generaldirektor des Senders beeilte sich zu verkünden, die BBC sei stolz British zu sein.

          Gefahr aus Schottland

          Die Moderatorin, die in der Sendung haltlos gekichert hatte, als ihr Kollege den Wohnungsminister nach dem Motto aufzog, dass Größe wichtig sei, musste sich dafür entschuldigen, dass sie „anstößige“ Tweets in Bezug auf die Fahne geliked habe. Die neue Vereinnahmung des Union Jack erklärt sich nicht nur aus der Freude des Brexit-Lagers über die neue Souveränität sondern aus der Sorge um den durch den EU-Austritt gefährdeten Zusammenhalt der Union Englands mit Schottland, Wales und Nordirland.

          Größte Gefahr kommt aus Schottland, das Anfang Mai ein neues Parlament wählt. Die schottische Nationalpartei hat soeben einen Gesetzesentwurf für ein zweites Unabhängigkeitsreferendum für die erste Hälfe der nächsten Legislaturperiode vorgelegt. In Downing Street ist man sich uneins darüber, ob die Schotten mit Freundlichkeiten zum Umschwenken entwaffnet werden sollten oder durch eine aggressive Kampagne. In jedem Fall bedient sich die Regierung in London des Markenzeichens Union Jack, um den Schotten ins Bewusstsein zu bringen, wie viel die Zentralregierung für sie leistet. Dass es diesmal um mehr geht als um Siege auf dem Sportfeld, auch das zeigen die vier Fahnen im Pressesaal von Downing Street.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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