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Die Botschaft Benedikts XVI. : Die Wahrheitsfrage als Friedensdienst

Die entschiedene als ausgestreckte Hand: Papst Benedikt XVI. Bild: dpa/dpaweb

Benedikt XVI. hat eine Botschaft: Der neue Papst begreift Mission und Dialog nicht länger als Gegensatz. Das sanft vorgetragene Vokabular der scharfen Kontur ist sein Erfolgsmodell für kulturelle Verständigung.

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          Wird es unter dem neuen Papst Benedikt XVI. doch noch zu einem clash of civilisations, zu einem Zusammenprall der Kulturen kommen? Steht der Name Ratzinger nicht weltweit für die Profilierung der Unterschiede, für die Zurückweisung eines Dialogbegriffs, der auf Angleichung des Verschiedenen zielt - sei es zwischen den Religionen oder auch nur den christlichen Konfessionen? Wie wird, mag sich mancher nun fragen, mit einem ehemaligen Inquisitions-Chef der globale Imperativ zu verwirklichen sein "Kein Weltfriede ohne Religionsfriede"?

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Man muß nicht erst auf das neue Amt setzen, das - wie jetzt häufig beschworen wird - andere Freiheiten in sich trägt als jenes des Präfekten der Glaubenskongregation, des obersten Verfassungsrichters der katholischen Orthodoxie. Denn in den Augen Ratzingers war das sanft vorgetragene Vokabular der scharfen Kontur nie bloß eine dem inquisitorischen Amt geschuldete Rollenprosa, sondern ein Erfolgsmodell für kulturelle Verständigung.

          Seine programmatische Thematisierung der Wahrheitsfrage soll die Verständigung der Kulturen nicht behindern, sondern im Gegenteil erst ermöglichen. Die klare Ausstellung des Eigenen, welche von Kritikern wie Anhängern gleichermaßen als Markenzeichen Ratzingers gesehen wird, stellte der neue Papst in seinem alten Amt zuletzt immer deutlicher als Prämisse eines Pluralismus heraus, der als Freiheitsordnung funktionieren will, statt sich als Pluralismus selbst außer Kraft zu setzen.

          „Sonst haben wir kein Recht, Öffentlichkeit zu verlangen“

          In der heutigen kulturellen Situation des Westens sei die theokratische Gefahr gering, so Ratzinger. Die Gefahr droht von woanders: von der Verwechslung von Wertneutralität mit Wohlfahrt. Natürlich dürfe der Öffentlichkeitsanspruch des Glaubens Pluralismus und religiöse Toleranz des Staates nicht beeinträchtigen. Aber ein Staat, der sich als bloßer Notar der Zeitströmungen verstehe, ohne die beharrende Kraft des Institutionellen auszumünzen, werde nicht pluralistischer und freier, sondern bodenlos. Ratzinger weiß sich in dieser Diagnose in weitgehender Übereinstimmung mit säkularen Staatstheoretikern, wie besonders eindrucksvoll der Münchner Disput mit Jürgen Habermas zeigte.

          Umstritten sind eher die Folgen, die sich daraus für die Position der Kirche ableiten. Hier fährt Ratzinger einen kompromißlosen, von der wirtschaftlichen Lage inzwischen ohnehin erzwungenen Kurs der Schleifung der Bastionen: "Wenn wir nicht überzeugt sind und nicht überzeugen können, haben wir auch kein Recht, Öffentlichkeit zu verlangen." Wozu aufgeblähte, von Kirchensteuermitteln finanzierte Apparate, wenn diese mutmaßlich nicht mehr von christlichen Überzeugungen getragen sind? Ratzinger prangert dies rücksichtslos als Etikettenschwindel an: Es gibt in einem staatlichen Gemeinwesen keinen Artenschutz für Religion, es sei denn, ihre Vertreter setzen sich als Bürger im demokratischen Prozeß durch. Wie sich diese Position wohl künftig im päpstlichen Amt darstellen wird?

          Wider einen Frieden, die mehr Konflikte schafft als löst

          Wenn Ratzinger eine Utopie des Weltfriedens durch Religionsfrieden besitzt, dann ist es jene, die der Kardinal Nikolaus von Kues 1453 in seinem Buch "De pace fidei" darlegt. Demnach beruft Christus selbst ein himmlisches Konzil, in dem siebzehn Vertreter der verschiedenen Nationen und Religionen "durch den göttlichen Logos zur Erkenntnis geführt werden, wie in der durch Petrus repräsentierten Kirche die religiösen Anliegen aller erfüllbar sind". Ratzinger beruft sich ausdrücklich auf dieses frühe Dokument eines katholischen Weltethos, das die Wahrheitsfrage gerade nicht suspendiert, sondern als Friedensdienst in Anschlag bringen will. Wie ist es möglich, fragt er, daß das Wahrheitsthema im Gespräch zwischen kontinentaler und analytischer Philosophie mit weit mehr Ernst und Dringlichkeit behandelt werde als in weiten Teilen der zeitgenösischen Theologie?

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