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„Die bleierne Zeit“ : Die Ensslin-Sisters

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Der Film „Die bleierne Zeit“ beschreibt die verschiedenen Wege des politischen Widerstandes: Journalistin Juliane ist für Veränderung ohne Gewalt, ihre Schwester Marianne wirft lieber eine Bombe. Romuald Karmakar über Margarethe von Trottas Beitrag gegen das Vergessen.

          Der Film (von 1981) ist „Christiane“ gewidmet. Christiane ist die Schwester von Gudrun. Gudrun heißt im Film Marianne und Christiane Juliane. Marianne hat Bomben geworfen und sitzt jetzt im Gefängnis. Juliane, Redakteurin einer Frauenzeitschrift, will auch die Welt verändern, aber in kleinen Schritten, ohne Gewalt.

          Früher waren die Rollen anders verteilt. Da war „Jule“ die Sartre lesende Rebellin in „Black Jeans“ und Marianne die Cello spielende „Liebe des Vaters“. Juliane wollte Brecht und Celan statt Rilke und Psalmen, Marianne einfach nur zum Abschlussball. Marianne wollte aber auch „gebraucht“ werden, „zu etwas nutze“ sein und vielleicht als freiwillige Helferin nach Afrika.

          Wenn die neuen Henker kommen

          Ihren Weg ins Ausbildungslager der al Fatah beschreibt der elliptisch gebaute Film nicht. Wir sehen aber, wie Barbara Sukowa im offenen Jeep und Kampfjacke durch das sonnige Bekaa Valley fährt und mit ihren blonden Haaren kleine Araber verzückt. Wir erfahren, dass die al Fatah eine Organisation ist, die sich „sehr“ um die arabischen Frauen bemüht, und dass eine „Revolutionärin“ für Zigaretten nicht zu zahlen braucht.

          Eines Nachts, vor dieser Reise, versucht Marianne noch einmal ihre Schwester, gespielt von Jutta Lampe, aus dem bürgerlichen Leben und der Beziehung zu dem heiratswilligen Architekten-Freund Wolfgang zu befreien (Rüdiger Vogler in blau-braun gestreiftem Morgenmantel). Beteiligt sie sich nicht am „antiimperialistischen Kampf“, werde sie auf der Seite der „Schuldigen“ bleiben.

          Bereits „schuldig“ gemacht hat sich der eigene Vater, ein protestantischer Pfarrer, im Film der Vertreter der „Auschwitz-Generation“ in der „bleiernen Zeit“ der fünfziger Jahre. Ihm verdanken sie allerdings ihr politisches Erweckungserlebnis, als er sie mit Alain Resnais' Film „Nacht und Nebel“ konfrontiert und der Anblick der Leichenberge in den befreiten KZs Übelkeit hervorruft. Die Frage nach der Schuld für diese Verbrechen und wer wohl wacht, wenn die neuen Henker kommen, beantwortet Margarethe von Trottas Film mit einem Schnitt auf Marianne, die Terroristin im Hungerstreik.

          Sich nicht der Verdrängung schuldig machen

          Heinrich Böll, einen der Autoren von „Deutschland im Herbst“, erinnerte Christianes Kampf um die Beerdigung von Gudrun an die Heldin Antigone. Von Trotta besetzte ihre deutsche Tragödie mit Marianne als Antigone und Juliane als Ismene, die sie allerdings später zu einer Art Stuttgarter Antigone macht. Juliane glaubt nicht an die Selbsttötung ihrer Schwester, sie macht sich auf gegen die staatliche Version der Geschichte und löst sich so doch noch von all ihren Bindungen.

          Diese Selbstaufgabe und Opferbereitschaft, das Hineinwühlen in die Vergangenheit habe sie fasziniert, sagt von Trotta, und man braucht lange, um zu verstehen, dass der Film ein Beitrag gegen das Vergessen sein soll, der sich nicht der Verdrängung schuldig machen will. Es geht auch um Erinnerung, einmal an eine „starke“ Frau wie Christiane und an eine „außergewöhnliche“ Frau wie Marianne, die ein Zeitungsredakteur auf dem „Misthaufen der Geschichte“ entsorgen will.

          Die Suggestion von Geschichte

          Gleichnisse, Gleichsetzungen und Überhöhungen werden bemüht, die bleischwer auf dem Film liegen. Selbst der Sohn der Marianne wird Teil dieses Revolutionsromans. Er wird Opfer eines gezielten Brandanschlags, nachdem wir Napalm-Opfer in Vietnam gesehen haben und eine Rückblende die Schwestern als Opfer der Bombardierungen durch die Alliierten zeigt.

          Der Nationalsozialismus als „hässliche Fresse“ des „Großkapitals“, die Bundesrepublik als Verbündeter der amerikanischen „Ausrottung des vietnamesischen Volkes“, ein neues NS-Regime. Der Staat vernichtet den politischen Widerstand, das Volk verbrennt dessen Kinder, und von den Juden sollen wir glauben, sie wären politische Häftlinge gewesen, bevor sie verbrannt wurden.

          König Kreon wollte Antigone zuerst lebendig einmauern, bevor er sie erhängen ließ. Wer also ist König Kreon? Bundeskanzler Helmut Schmidt? Und wer soll der geliebte Bruder der Antigone sein, der sein Heer gegen die sieben Tore von Theben führt?

          Bis heute verstellt die Suggestion von Geschichte im Arthouse-Mainstream-Kino den Blick auf unsere Welt.

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