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Die besten Reben der Toskana : Im Wein immer den eigenen Bruder sehen

  • -Aktualisiert am

Wein, der Bewunderung hervorruft: Brunello Bild: Wonge Bergmann

In Montalcino gedeiht Italiens teuerster Spitzenwein. Hier weiß man der neureichen Vulgarität des Berlusconismus noch etwas entgegenzusetzen. Eine Ortsbegehung mit Geschmacksprobe.

          8 Min.

          Kultur: Dass dieses Wort in der Antike zuerst einmal den Landbau meinte, wird rund um Montalcino augenfällig. Die spezifische Harmonie von Olivenhainen, Gehölzen, Obstwiesen, hier und da Feldern rund um den Hügel des mittelalterlichen Städtchens findet sich selbst in der Toskana nirgendwo so perfekt wie hier. Und dann gibt es noch die Weinberge. Kleine Weinberge. Viele Weinberge. Denn von den Hügeln des Gemeindegebiets stammt der Brunello, einer der berühmtesten Weine der Welt.

          Im Glas entfaltet er einen eigentümlich rubinroten Schimmer, der mit den Jahren ins Rostfarbene geht - daher der Name, der ursprünglich „Bräunlein“ bedeutet. Das Volle, abgerundet Kastanige und Dörrpflaumige des zupackenden Geschmacks wird, anders als bei den meisten italienischen Produkten, mit den Jahren nur besser. Eine Riserva, die ohnehin erst sechs Jahre nach der Ernte in den Verkauf kommt, ist nach zehn, fünfzehn Jahren am Geschmackshöhepunkt angelangt. Verzückte, Besessene kosten Brunello, wenn es ihnen denn die paar tausend Euro pro Flasche wert erscheint, noch nach vier, fünf, sechs Jahrzehnten.

          Das Städtchen des Brunello

          Der Kult um den Wein hat auch sehr viel Geld nach Montalcino gebracht und alles verändert. Sogar die Landstraße von Siena heißt Strada del Brunello; im Ort ist jeder zweite Laden ein improvisierter Weinhandel; an der Piazza erweisen prominente Designer mit lustigen Jahrgangskacheln den Spitzenjahrgängen ihre Reverenz. Naheliegend, dass Spekulanten aus allen Erdteilen ihren Adlerblick auf diese lieblichen Hügel gerichtet haben. Die aktuell knapp zehn Millionen Flaschen bringen angesichts der Spitzenpreise und weltweiter Nachfrage Dutzende Millionen Euro Gewinn pro Jahr - und zwar nicht in Digitalzahlen oder Papier, sondern in Immobilien und Flaschen, die jedes Jahr ihren Wert solide steigern.

          Für ein Gemeinwesen von gerade einmal siebentausend Menschen, die außer im Weingeschäft in dieser abgelegenen Gegend kaum eine Arbeit finden, wurde dieser Reichtum aus dem Brunello zum Segen, aber oft auch zum Fluch. Nachbarschaften und Familien gingen hier, wo nur die Erde und das Blut noch wichtiger sind als der Wein, in endlosen Fehden zu Bruch. 2008 machte ein Skandal um gepanschten Brunello weltweit Schlagzeilen. Um die Ausbeutung der edlen Rebe tobt heute noch ein stiller, unsichtbarer Kampf, und das toskanische Paradies ist längst nicht so friedlich, wie es wirkt.

          Rund um den Berg Montalcino in der Region Toskana werden die bekanntesten und teuersten Rotweine Italiens produziert.

          Die Saga des Brunello ist merkwürdigerweise eine recht junge Geschichte; recht eigentlich ging es in den sechziger Jahren los. Zwar hatte schon der Bologneser Mönch Leandro Alberti vor fünfhundert Jahren die feinen Weine aus Montalcino gerühmt, doch waren das lange Zeit eher weiße Süßweine. Der Legende nach gab ein Staatsdiner in London für den italienischen Präsidenten Saragat den Ausschlag. Als die Medien berichteten, dass sich die Queen für eine 1955er Riserva vom Brunello entschieden hatte, merkten endlich auch die Italiener jenseits der Toskana, was sie an diesen Hügeln hatten. Erst 1966 wurde die Herkunftsbezeichnung „Denominazione di origine controllata“ geschützt; etwa ebenso lange gibt es das Konsortium, in dem fast alle der rund 250 Produzenten am Ruf der Marke mitarbeiten.

          Die Regeln sind so einfach wie streng. Der Brunello unterscheidet sich von anderen Nobeltropfen - etwa im Bordeaux, aber auch ein paar Kilometer weiter nördlich im Chianti - durch die ungemischte Herkunft aus einer einzigen Rebsorte. Dass jetzt nach einem ungeheuer nassen Frühjahr unterm Grün die Früchte des „Sangiovese grosso“ heranreifen und bei jedem neuen Guss von Pilzen und Fäulnis bedroht werden, das wissen sogar die auffallend vielen Touristen aus der ganzen Welt, die nach Montalcino weniger wegen der Kunst und der Küche pilgern als vielmehr für den Brunello.

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