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: Die Ausgeschlossenen

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Sartre ließ sich noch unbefangen mit einer brennenden Zigarette zwischen den Fingern porträtieren. Sie war keineswegs ein bloßes Requisit, sondern fast schon ein Attribut des Philosophen. Er qualmte bekanntlich wie ein Schlot - am ...

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          Sartre ließ sich noch unbefangen mit einer brennenden Zigarette zwischen den Fingern porträtieren. Sie war keineswegs ein bloßes Requisit, sondern fast schon ein Attribut des Philosophen. Er qualmte bekanntlich wie ein Schlot - am liebsten angeblich die Marke "Bastos", auch Pfeife - und hat wie kaum ein anderer das Rauchen mit dem Habitus des Intellektuellen verflochten.

          Daß er auch aufzuhören versuchte, muß nicht erst enthüllt werden. Sartre berichtet davon schon in seinem Werk "Das Sein und das Nichts", in dem er bis ins Kaffeehaus hinunterstieg und über das Gebaren von Kellnern und auch über jenes "kleine Brandopfer" philosophierte. Dabei erkannte er, daß ihm weniger der Geschmack des Tabaks als die Handlung des Rauchens abging. Sie hatte nahezu all seine Aktivitäten begleitet, jede neue Erfahrung umhüllt, so daß er sich sorgte, sein Leben werde verarmen, wenn er der Welt nicht mehr rauchend begegnen könnte. Er mußte eine "Entkristallisation" vornehmen, den Tabak darauf reduzieren, "nur noch er selbst zu sein". Sartre: "Ich zerschnitt seine symbolischen Bindungen zur Welt."

          An solche Einsichten knüpfen allenfalls noch Entwöhnungsprogramme an. Sie lehren, das Rauchen aus dem alltäglichen Handeln herauszulösen und zu ersetzen - etwa durch Wassertrinken. Ansonsten zählt der Handlungs- und Bedeutungskomplex kaum noch. In der Politik gilt die Aufmerksamkeit den Kosten und der Erwartung, gleichzeitig die Ausgaben für die Gesundheit senken und die Einnahmen durch die Tabaksteuer erhöhen zu können. Dieses Kunststück zog jüngst sogar den Spott der Karnevalisten auf sich. Sie hatten bei einem der großen Umzüge einen Wagen mit zwei Parolen drapiert: "Rauchen gefährdet den Bundeshaushalt" - "Nichtrauchen gefährdet den Bundeshaushalt".

          Die Paradoxie löst sich zuungunsten der Raucher auf. Sie sehen sich in die Illegalität getrieben. Rund 10 Prozent der konsumierten Zigaretten - in grenznahen Regionen bis 60 Prozent - sollen bereits unversteuert sein. Dazu kommen fortwährend Meldungen über die Ausweitung rauchfreier Räume. Das Ziel ist von der Weltgesundheitsorganisation fixiert worden: umfassender Nichtraucherschutz. Der Feldzug wird von der Bundesregierung unterstützt, der Nichtraucher-Initiative Deutschland zufolge aber nur halbherzig. Sie deklariert das Rauchen auf Plakaten zur "Kindesmißhandlung" und hat im Kampf für eine "rauchfreie Gesellschaft" am 13. Januar die Gewerbeaufsicht in Berlin aufgefordert, den Nichtraucherschutz nach Paragraph 5 der Arbeitsstättenverordnung im Bundeskabinett durchzusetzen. Dort sind Raucher gesichtet und namentlich benannt worden.

          Angesichts dieser Null-Toleranz-Politik sind schon abweichende Gedanken fast mutig. Davon gab es jede Menge, als Leonhard Richter vor kurzem in einem Vortrag das Rauchen aus dem "Wesen des Menschen" abzuleiten versuchte. Der Privatdozent für Philosophie an der Universität Würzburg entwarf dabei ein Szenario, nach dem die Bezähmung des Feuers und die Erfahrung der "Höhlengeborgenheit" zum Rauchen disponiert hätten und die Raucher eine "Avantgarde" geworden seien. Diese atemberaubende Gedankenschleife vom Abweichenden zum Abwegigen und zum metaphysischen "Grund" des Rauchens endete allerdings reichlich banal. Man rauche, sagte Richter, "weil es eben Spaß macht". Das Rauchen sei "Selbstgenuß des Ich", "Genießen in Reinform", habe "keinen Adressaten außer dem Raucher selbst".

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