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: Die Ausgeschlossenen

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Vom Passivrauchen wußte diese Plauderei zwischen höherem Jux und Tiefsinn wenig. Sie zielte punktgenau auf die Parole "Ich rauche gern" und könnte allenfalls die gut 3 Prozent der Bevölkerung von fünfzehn Jahren an ansprechen, die der Statistik zufolge "gelegentlich" und vielleicht mit Genuß rauchen. Fast 25 Prozent rauchen "regelmäßig", oft seit vielen Jahren, meist mit schlechtem Gewissen, zwanghaft. Viele davon schätzen sich vermutlich als "Stressraucher" ein. Die meisten kennen auch die Risiken und haben oft schon mehrmals aufzuhören versucht, aber sie schaffen es nicht. 70 bis 80 Prozent der Raucher gelten als abhängig. Sie sind meist weit davon entfernt, das Rauchen noch genießen zu können.

Es scheint also weder der Genuß noch mangelnde Einsicht zu sein, was an das Rauchen fesselt, sondern doch das Nikotin. Dieser Wirkstoff macht angeblich schneller als Drogen abhängig und würde demzufolge ein Verbot rechtfertigen. Allerdings sind Drogen, Heilmittel und Genußmittel stets auch kulturell mit Bedeutung aufgeladen, sozial verankert und deshalb nicht beliebig umdefinierbar. Die Grenzen zwischen ihnen verschieben sich nur langsam wie etwa beim Zucker, der den Nimbus als Genußmittel inzwischen verlor. Den Alkohol will man noch hartnäckig dem Nahrungsmittelkomplex einverleiben; und Tabak hat "eine kulturelle Praxis etabliert, deren Deutungen zunehmend komplexer und heterogener wurden", wie Thomas Hengartner darlegt, der als Kulturwissenschaftler an der Universität Hamburg forscht.

Er hat sich in jüngster Zeit darum bemüht, das Rauchen als "Totalphänomen" verständlich zu machen, und mit dem Historiker Christoph Maria Merki in den Büchern "Tabakfragen" und "Genußmittel" auf Defizite in der Debatte verwiesen. Sie sei zu sehr von der Medizin geprägt, gibt Hengartner zu bedenken. Das war auch schon so, als die Tabakpflanze um 1500 nach Europa kam. Damals wurde sie zunächst als Heilmittel wahrgenommen. Argwohn und Polemik gegen das "Tabak sauffen" - das Verb "rauchen" war noch nicht geläufig - kamen erst im späten siebzehnten Jahrhundert auf. Da gab es Verbote und einen echten Raucherkrieg, in dem Köpfe abgeschlagen und Lippen aufgeschnitten wurden. Aus ihm führte die Erfindung der Tabaksteuer heraus. Damit war das "Teufelskraut" legalisiert, zivilisiert und als Genußmittel normalisiert.

Was als Genuß gilt, läßt sich aber gerade beim Rauchen nur schwer fassen. Es ist mehr als eine biochemische Reaktion, mehr als eine Empfindung, "geht über Gaumenfreuden hinaus", schreiben Hengartner und Merki. Sie bezeichnen Genuß als "soziokulturelles Konstrukt"; das heißt, daß den Formen des Konsums Bedeutungen zugeschrieben und damit soziale Differenzen markiert werden. Das zeigt sich schon beim Rauchen von Zigarren deutlich. Es nahm zunächst demonstrativen und dann eher zeremoniellen Charakter an. Vor der bürgerlichen Revolution im neunzehnten Jahrhundert wurde es als "liberale Dreistigkeit" empfunden, danach zunehmend als Inbild von Behaglich- und Behäbigkeit. In beiden Fällen wirkte die Zigarre integrativ und distinktiv - gemeinschaftsbildend und abgrenzend.

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