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Die ARD und Spenden für Japan : Am Geld soll es nicht liegen?

Japanische Familie beim Beten: Die ARD sollte klären, ob es richtig ist, um Spenden zu bitten Bild: AFP

Die ARD gibt Anlass zu einem bizarren Streit um Hinweise auf Spenden für Japan. Hilfsorganisationen, die um Geld werben, sind in der Pflicht, den Einsatz der Mittel transparent zu machen. Die ARD aber ist in der Pflicht, ihre Zurückhaltung zu erklären.

          Die ARD zeigt alle Anzeichen einer FDPisierung: Ihr Kurs scheint wirr und man versteht nur noch Bahnhof. Zuerst ging es in Sachen Afghanistan-Ausstrahlung hin und her. Da wurde zum 1. April die Satellitenübertragung des ersten Programms abgebrochen, die Soldaten der Bundeswehr hätten nur noch dem bundeswehreigenen Kanal zugelieferte Nachrichten und Sport sehen können. Nach öffentlicher Kritik von allen Seiten wurde die Entscheidung binnen einer Woche gekippt. In der Frage, ob man Sendehinweise auf Spenden für Japan geben soll, verhält sich die ARD nicht minder fragwürdig.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Sie ist exklusiv an das „Bündnis Entwicklung hilft“ gebunden, das zurzeit nicht in Japan aktiv ist. Mit dem Hinweis darauf und Zweifeln an der Sinnhaftigkeit von Spendenhinweisen versuchte sich die ARD aus der Affäre zunächst zu ziehen, als vor einigen Tagen vor allem die „Aktion Deutschland hilft“ Kritik daran übte, dass die Sender zwar im Internet auf Spendenmöglichkeiten hinweisen, nicht aber im Fernsehprogramm. Nach einem Treffen der Intendanten in der vergangenen Woche meinte die „Aktion Deutschland hilft“ Anzeichen für einen Sinneswandel bei der ARD auszumachen und tat dies in einer Pressemitteilung kund. Das war vielleicht etwas vorschnell. Denn es zeigt sich, dass die ARD noch längst nicht zu einer eindeutigen Haltung gefunden hat.

          Wozu braucht es jetzt einen Runden Tisch?

          Das beweist die Reaktion auf die Kritik, mit welcher der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker und der frühere Außenminister und SPD-Fraktionschef im Bundestag, Frank-Walter Steinmeier, die Debatte befeuert haben, der „Spiegel“ berichtet heute darüber. Weizsäcker ist Schirmherr, Steinmeier ist Vorsitzender des Kuratoriums der „Aktion Deutschland hilft“, die wahrlich keine schlechte Spendenadresse ist - zu ihr hat sich rund ein Dutzend international tätiger Hilfsorganisationen zusammengeschlossen. Die Zuschauer hätten ein Interesse daran, über Hilfsorganisationen informiert zu werden, die sich um Japan kümmern, ohne Bevormundung, heißt es bei Weizsäcker. Die Fixierung der ARD auf das „Bündnis Entwicklung hilft“ sei ein Problem, lautet ein Kritikpunkt Steinmeiers.

          Und wie reagiert die ARD? Sie reagiert genervt, wie man an dem Tonfall erkennen kann, in dem eine am Wochenende herausgegebene Mitteilung verfasst ist. Die Intendanten, heißt es da, hätten „alle Hilfsbündnisse, die um Spendengelder konkurrieren, jetzt aufgefordert, sich zusammenzusetzen und sich auf eine gemeinsame Spendenkontonummer zu verständigen“. Man werde Weizsäcker bitten, zwischen den Bündnissen zu vermitteln. Ein „Runder Tisch“ sozusagen. Doch warum und was gibt es da zu vermitteln? Das möchte man fragen. Müsste sich die ARD nicht zunächst selbst erklären (vor allem ihre exklusive Verbindung mit einem „Bündnis“) und die Frage beantworten, ob es ihres Erachtens sinnvoll ist, Spenden für Japan zu sammeln oder nicht? Vielleicht funktioniert die Selbsthilfe der Japaner ja tatsächlich so glänzend, dass Hilfe aus dem Ausland nicht angezeigt erscheint. Vielleicht hat aber die „Aktion Deutschland hilft“ recht, die darauf verweist, dass ein Großteil der bei ihr annotierten Organisationen über japanische Partner sehr wohl sinnvolle, ja dringend notwendige Hilfe finanziert und leistet.

          Der Streit ist unwürdig, passt aber leider ins Bild

          Der ARD-Programmdirektor Volker Herres meint derweil, es sei unsicher, ob Gelder auch wirklich in Japan ankämen. Er warnt „vor einer Vermischung von Eigen-Interessen der Spenden-Bündnisse und tatsächlicher Sorge um die Lage der Menschen in Japan“: „Um es noch einmal klarzustellen: Jeder, der spenden möchte, erfährt bei der ARD auf den Online-Seiten von tagesschau.de, über den Videotext und über die Zuschauerredaktion, wo er das kann! Wir rufen im Fernsehen - wie inzwischen das ZDF auch - aktiv nicht zu Spenden auf, weil nach Einschätzung seriöser Quellen und Institute das Hauptproblem Japans nicht Geldmangel ist! Zurzeit, so die Experten, sei zudem nicht sichergestellt, dass die Gelder vollständig und zweckgebunden in der Opferregion eingesetzt werden können.“ Japan verfüge über eine hervorragende Katastrophenhilfe-Infrastruktur. Sollte sich die Lage ändern, sollte die japanische Regierung oder sollten zivile Hilfsorganisationen in Japan um Spenden ersuchen, werde die ARD „umgehend auch aktive Spendenaufrufe prüfen“.

          Umgehend prüfen, das klingt unbedingt ausweichend. Und so viele Ausrufungszeichen in einer Mitteilung! Vor Sorge um die Menschen in Japan, können wir an dieser Stelle sarkastisch anmerken, strotzte das deutsche Fernsehprogramm bei der Berichterstattung über die Katastrophen-Kaskade in Japan ja nur so. Wäre es nicht an der ARD, die Frage, ob es richtig erscheint, um Spenden zu bitten, selbst zu klären? Und wie konsistent ist denn diese Haltung eigentlich - Hinweise im Internet, im Videotext und auf Anfrage beim Zuschauerservice ja, im Fernsehen nein? Dass es diesen Streit um Spendenhinweise überhaupt gibt, ist unwürdig. Es passt aber leider ins Bild.

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