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Trumps Amtseinführung : Die neue Norm

  • -Aktualisiert am

Washington, am Freitagmorgen, kurz vor dem Beginn der Zeremonie Bild: AP

Trump beginnt seine Präsidentschaft mit einer radikalen, für seine Verhältnisse aber gemäßigten Rede. Wir dürfen uns auch an seine „gemäßigten“ Töne nicht gewöhnen.

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          „Immerhin“, sagte Van Jones, ein früherer Berater von Barack Obama, in einer ersten Analyse der Antrittsrede von Präsident Donald Trump im Nachrichtensender CNN, „immerhin hat er nicht die Presse angegriffen.“ Er nannte das: „ermutigend“. Trump hatte den Zustand seines Landes in düstersten Farben gezeichnet. Er sprach von „carnage“, um das heutige Amerika zu beschreiben, von einem „Gemetzel“. Er beschrieb die Vereinigten Staaten von heute als ein Land ohne Reichtum, sein Militär als heruntergekommen, sein System als undemokratisch, seine Bürger als Menschen ohne Träume. In Zukunft gelte nur noch „America First“, rief er der Nation und der Welt zu und störte sich nicht daran, dass „America First“ auch der Name eines isolationistischen Komitees war, das sich dagegen aussprach, dass die Vereinigten Staaten gegen Adolf Hitler in den Krieg zögen.

          Moderator Jake Tapper bezeichnete die Rede in einer CNN-Diskussionsrunde als die vermutlich radikalste Antrittsrede, die je ein amerikanischer Präsident gehalten hat.Aber das ist längst die falsche Kategorie. Trump wird schon nicht mehr mit anderen Präsidenten verglichen. Trump wird mit Trump verglichen. Und damit fällt das Urteil ganz anders aus: Für Trump-Verhältnisse war das eine sehr ordentliche Rede, befanden viele Ad-hoc-Analysten, wenn nicht sogar seine beste überhaupt. Sie enthielt viele bewährte Versatzstücke, die man von seinen Wahlkampfauftritten her kennt – so gesehen: kein Grund für besonderes Aufsehen. Nur kam sie eben ohne die sonst bei Trump üblichen Angriffe auf die Presse aus. Immerhin! Ermutigend.

          Wird ihn das Amt mäßigen?

          Der Prozess der Normalisierung Trumps hat endgültig begonnen. Das fängt – so banal wie elementar – damit an, dass es seit vergangenem Freitag nicht mehr unvorstellbar ist, dass Trump Präsident wird, weil man es sich seit vergangenem Freitag nicht mehr vorstellen muss: Man muss es erleben. Das ändert alles. Das Undenkbare ist Wirklichkeit geworden – schon das raubt ihm einen wesentlichen Teil seiner Absonderlichkeit. Je länger Trump Präsident ist, desto normaler wird uns das vorkommen.

          Die ganze Zeremonie des Tages der Amtseinführung, die Rituale und Traditionen, all das dient selbstverständlich nicht zuletzt diesem Zweck: einen neuen, in dieser Rolle noch fremden Machthaber in einem vertrauten Rahmen zu zeigen; ihn einzubinden in die lange Reihe seiner Vorgänger und symbolisch und emotional seine Legitimität und seine Normalität zu unterstreichen.

          Mindestens so sehr wie die Rituale dieses Tages für einen neu gewählten Präsidenten – die Übernachtung im Gästehaus, der Kirchgang, der Kaffee mit dem alten Präsidenten, die gemeinsame Fahrt zum Kapitol – tragen die Rituale der Nachrichtenmedien heute zu dieser Normalisierung bei. Bei CNN betonten die Kommentatoren zwar immer wieder das Ungewöhnliche dieses Präsidenten: dass er der unkonventionellste sei, der je gewählt wurde, oder dass er an diesem Tag zum ersten Mal überhaupt einen Eid für sein Land ablegen werde, weil er noch nie in einer Regierung oder im Militär gedient habe.

          Er bleibt, wie er ist

          Stärker als diese Worte und Beteuerungen aber war die Botschaft der Normalität, die die üblichen journalistischen (und unjournalistischen) Routinen und Reflexe aussendeten: das aufgeregte Geschnatter, Berichterstattungsalltag, wie immer. „Ein Gefühl von Energie liegt in der Luft“, vermeldete ein aufgekratzter CNN-Reporter am Morgen von der noch weitgehend leeren National Mall in Washington; „er ist wach und twittert schon“, berichtete eine Kollegin über den zu diesem Zeitpunkt noch künftigen Präsidenten. Auch in der Betonung des Ungewöhnlichen war das business as usual.

          Seit Monaten sagen Beobachter und Experten immer wieder voraus, dass Trump sich nun normaler geben werde, herkömmlicher. Nach der Wahl zum Präsidentschaftskandidaten der Republikanischen Partei werde er sich mehr wie ein Präsidentschaftskandidat verhalten; nach der Wahl zum Präsidenten werde er präsidialer werden. Nichts davon ist passiert. Donald Trump wird nicht normaler. Er bleibt, wie er ist. Er zwingt uns dadurch dazu, unsere Vorstellungen von Normalität zu verändern.

          So sehr die Traditionen der Amtseinführung dazu dienen, den Präsidenten normal wirken zu lassen, so konsequent weigerte sich Trump an entscheidender Stelle, sich den Konventionen zu unterwerfen. Er hielt, anders als seine Vorgänger, keine positive, aufmunternde Rede, sondern zeichnete die Realität als Apokalypse. Er versuchte nicht, die Nation zu einen, sondern präsentierte eine Wahlkampfansprache für seine Anhänger. Die einend gemeinte Botschaft, dass alle Menschen – nein: alle Amerikaner – gleich seien, formulierte er mit dem düsteren Bild, dass die Soldaten wüssten, dass sie alle, ob schwarz, weiß oder braun, dasselbe rote Blut bluteten.

          Gefährliche Normalität

          Überparteilich wirkte er nur, indem er die Arbeit beider Parteien ablehnte. Er streckte den Menschen, die ihn nicht gewählt haben – die Mehrheit der Wähler und die Mehrheit der Amerikaner –, nicht die Hand entgegen, fand keine Worte der Versöhnung. Auch seiner Gegnerin Hillary Clinton zollte er keinen Respekt, wie es üblich gewesen wäre (er holte das beim formalen Essen wenig später nach).

          Allerdings drohte er auch nicht, sie einzusperren. Immerhin.

          Das ist die gefährliche Wirkung der neuen Normalität: Donald Trump hat sich so radikal geäußert in den vergangenen Monaten, dass es reicht, wenn er die schlimmsten Auswüchse weglässt, um vergleichsweise moderat zu klingen. Die Politik, die er macht, wird vor dem Hintergrund seiner extremsten Versprechen interpretiert werden – und dann im Zweifel damit nicht mehr so radikal wirken, sondern vergleichsweise vernünftig.

          Ausdrücke der Hilflosigkeit

          Hinzu kommt, wie Trumps Wahl und die Realität seiner Präsidentschaft auf die Gesellschaft ausstrahlen: Was bedeuten sie für Minderheiten, was für Frauen? Werden auch Homophobie und Misogynie wieder akzeptabel? Die Verachtung von Wissenschaft? Die Herrschaft des Geldadels? Die offenkundige, unbestreitbare, schamlose Lüge?

          Mehr als sechzig demokratische Mitglieder des Kongresses blieben der Zeremonie am Freitag fern. Sie boykottierten sie, um ein Zeichen zu setzen gegen die Normalisierung Trumps, um allein schon durch ihr Fernbleiben die Vereidigung weniger normal wirken zu lassen. Ihr Protest blieb weitgehend unsichtbar und unbedeutend. Mehr noch: Sie mussten sich vorwerfen lassen, missverstanden zu haben, worum es bei dieser Zeremonie geht. Nicht darum, Donald Trump zu feiern, sondern die Demokratie. Hillary Clinton, die als Gattin des früheren Präsidenten Bill auf der Ehrentribüne Platz nahm, twitterte zur Erklärung: „Ich bin heute hier, um unsere Demokratie und ihre fortdauernden Werte zu würdigen.“

          Viele Liberale und Gegner Trumps im Land suchen verzweifelt nach Möglichkeiten, der Normalität einer Trump-Präsidentschaft entgegenzuwirken. Der Boykott der Kongress-Abgeordneten zeigt, wie schwer dieser Kampf zu führen ist – und wie unwahrscheinlich es ist, ihn zu gewinnen. Amnesty International rief eine Aktion „Trump Watch“ ins Leben und warb dafür, dem Präsidenten zu schreiben und von ihm zu verlangen, Menschen- und Bürgerrechte zu schützen. Die Organisation Black Lives Matter rief in einer Anspielung auf die Facebook-Funktion, mit der sich Menschen nach einem Attentat oder Unglück als „sicher“ markieren können, schwarze Menschen in Amerika dazu auf, sich als „unsicher“ zu markieren. Es sind auch Ausdrücke der Hilflosigkeit.

          Wiederkehr der alten Norm

          Die Gewalt bei manchen der Proteste gegen Trump, die das vermeintlich gut klingende Ziel hatte, die Normalität der Amtsübergabe zu stören, spielte Trump dagegen in die Karten, weil sie seiner Rhetorik und Radikalität ungewollt einen Anschein der Legitimität verlieh.

          Die Zahl der Besucher in Washington war deutlich kleiner als bei den Amtseinführungen Obamas – darauf wiesen auch Kommentatoren im amerikanischen Nachrichtenfernsehen hin; solche Zählvergleiche sind Standard in der Berichterstattung. Kaum jemand aber betonte, wie uniform diese Besucher waren: weiße Gesichter unter roten „Make America Great Again“-Käppis. Die Dominanz weißer Männer, auch auf der Regierungsbank: auch das ist die neue, die alte Norm.

          Endlos wiederholt wie ein Mantra wurde an diesem Tag die Floskel von der „friedlichen Machtübergabe“. Immer und immer wieder wurde betont, was das für ein Wunder sei, das Amerika da alle paar Jahre vollbringe, was für eine erstaunliche Selbstverständlichkeit. Es sei ein Vorbild für Demokratien überall auf der Welt, sagte Roy Blunt, der Vorsitzende des Parlamentskomitees für die Vereidigungszeremonie, in seinen einleitenden Worten.

          Radikale Abkehr

          Je häufiger diese Selbstverständlichkeit von den Kommentatoren betont wurde, das Wunder, dass selbst die Machtübergabe zwischen zwei so unterschiedlichen Menschen wie Barack Obama und Donald Trump in so geordneter Weise abläuft, ohne Krieg und größeres Blutvergießen, umso merkwürdiger wirkte sie – und umso weniger selbstverständlich. Als drücke sich auf diese paradoxe Weise das Unbehagen darüber aus, dass diese Wahl eben nicht normal war, sondern ihr ungeheure Grenzüberschreitungen, Lügen, Ausfälle, Manipulationen und Einflussnahmen vorausgingen. Und wer weiß, was passiert wäre, wenn Trump die Wahl nicht gewonnen hätte?

          Der liberale Journalist Jonathan Chait schreibt im „New York Magazine“, dass die „friedliche Machtübergabe“ an Trump nicht Ausdruck davon sei, dass das System funktioniert, sondern dass es gescheitert ist: „Trump hat immer gesagt, dass nach seiner Überzeugung ein Prozess, der nicht in seinem Sinne endet, illegitim sei.“ Das System scheine nur deshalb zu funktionieren, „weil der Kandidat, der eine Niederlage nicht akzeptiert, keine Niederlage erlitt“.

          Donald Trump ist ein außergewöhnlicher Mensch, der durch außergewöhnliche Umstände an die Macht gekommen ist, und er repräsentiert eine radikale Abkehr von fast allem, wofür Amerika in den vergangenen Jahrzehnten stand.

          Er steht für einen radikalen Populismus, obwohl er nicht populär ist. Er kämpft für einen neuen Nationalismus als einigende Kraft, obwohl es nicht zuletzt sein Nationalismus ist, der die Nation spaltet. Er hat bewiesen, dass man als unerfahrener, korrupter, lügender, frauen- und ausländerfeindlicher Kandidat – unter dem Jubel des Ku-Klux-Klans – Präsident werden kann. Das war vor kurzem noch undenkbar.

          Donald Trump ist Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Wir werden uns daran gewöhnen müssen. Wir dürfen uns daran nicht gewöhnen.

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