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Altötting geschlossen : Madonna

Bitte ab sofort zu Hause beten: Ein Pilger auf dem Weg nach Altötting. Bild: dpa

Vorerst keine Wunder: Das berühmte Gnadenbild bleibt für die betende Öffentlichkeit geschlossen. Pilger müssen in den virtuellen Raum ausweichen.

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          Und jetzt? Die Katholische Nachrichtagentur meldet: „Im größten deutschen Marienwallfahrtsort sind alle Kirchen bis auf weiteres geschlossen.“ Wegen der „räumlichen Enge“ gelte dies auch für die Heilige Kapelle mit dem weltberühmten Altöttinger Gnadenbild, der Schwarzen Madonna. Angebetet und von Pilgern besucht seit dem Jahr 1489.

          In seinem im Vorjahr in Italien und soeben in deutscher Übersetzung erschienenen Buch „Der unendliche Faden“ arbeitet sich der italienische Journalist und Reiseschriftsteller Paolo Rumiz durch diverse Benediktinerklöster in ganz Europa. Er möchte dem Geist, der im sechsten nachchristlichen Jahrhundert mit der Regula benedicti begann, die Grundlagen für ein demokratisch verfasstes Abendland zu legen, nachspüren und ihn für das gegenwärtig von Spaltung bedrohte Europa wieder lebendig werden lassen.

          Von fünfzehn angesteuerten Klöstern und geistlichen Orten widmet der Autor Altötting nur knappe vier Seiten – als „Mitteleuropäer“ könne er mit dem Ort nichts anfangen: „Äußerlichkeit des Glaubens, Inszenierung, Fähnchen und nationale Identitäten“ beobachtet er bei seinem Rundgang um die Gnadenkapelle, die aufs achte Jahrhundert zurückgeht. Die vielen Votivtafeln, Ausdruck gelebter Volksfrömmigkeit, deutet der Triestiner als Ausdruck einer „fast neapolitanischen Lust“, um schließlich über den Zwischenschritt des Bieres auf Hitler zu kommen, der seinen Triumphzug in Bierlokalen angetreten habe.

          Religion ist nichts Sachliches

          Mutter Gottes, Bayern, Bier, Hitler? Dieses dürftige Assoziationskettchen bedient jenen Ungeist, den Rumiz eigentlich bekämpfen will. Es geht auch anders. Wolfgang Büscher hat in seinem vor zehn Jahren erschienenen Buch „Deutschland, eine Reise“ über seinen Besuch in Altötting notiert: „Religion, das war hier nichts Sachliches. (...) Es war das Andere, das Geheimnis, der brennende Dornbusch, Jakobs Kampf in der Nacht.“ Büscher begreift, dass es um Gnade geht, um Dank für erwiesene Hilfe. Das „Blutige der Glaubenspraxis war es, das mich an Indien erinnerte, die in Silber geschnittenen Fürstenherzen, das Hantieren im Tempel, die aufgehäuften kultischen Gaben, das Geschiebe der Pilger, die alte Frau, die langsam, Schritt für Schritt, ein großes Holzkreuz um die Kapelle schleppte.“

          Und jetzt? Geschlossen, chuiso. Stattdessen täglich fünf Messen online, um drei Uhr nachmittags läuten die Glocken der Altöttinger Kirchen und laden zum privaten Rosenkranzgebet ein. Beichte nur noch in Einzelfällen und nach telefonischer Anmeldung. Auf der Homepage der Wallfahrtsdirektion liest man: „Bitte beten Sie zu Hause.“

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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