https://www.faz.net/-gqz-a5k1i

Aktion #BesondereHelden : Humorlockdown

Zwei „Besondere Helden“ erzählen in der Kampagne der Bundesregierung vom Corona-Winter. Bild: dpa

Da wird die Bundesregierung einmal witzig und geht im Corona-Lockdown mit der richtigen Ansprache auf junge Leute zu. Und was passiert? Die Humorlosen aller Länder vereinigen sich und unken los.

          2 Min.

          Das Recht auf Faulheit ist in Deutschland nicht wirklich populär. Der französische Chansonnier Georges Moustaki aber hat davon geträumt. Zwei Stunden am Tag wollte er arbeiten, mehr nicht. Und so wie er „le droit à la paresse“ besang, hätte das fast bekennende Workaholics überzeugen können. Ganz zu schweigen von der Emphase, mit der Paul Lafargue in seiner berühmten Schrift von 1880 den Kapitalismus in die Tonne trat und Marx und Engels gleich mit. Aergia, die griechische Göttin des Müßiggangs, dürfte immer noch ihre Freude daran haben.

          Faulheit aber ist dieser Tage nicht nur ein selbstverständliches Recht, sondern erste Bürgerpflicht, zumindest wenn man der Bundesregierung folgt. Sie ruft die Citoyens nicht auf die Barrikaden, sondern – aufs Sofa. Dort sollen sie herumlümmeln oder sonst was tun, Fastfood in sich hineinstopfen oder vor dem Computer hocken bis in die Puppen, um – „Helden“ zu werden.

          „Faulheit konnte Leben retten, es war leicht, ein Held zu sein“, heißt es in einem der Werbespots unter #BesondereHelden, in dem sich ältere Herrschaften der Zukunft an den Coronawinter 2020 erinnern, und wir sie als Jungspunde beim Nichtstun sehen. „Unsere Couch war die Front und unsere Geduld war die Waffe“, sagt ein Überlebender des Pandemie-Lockdowns. Einen Blechorden fürs Rumhängen gab es auch.

          Ist das witzig? Ist das politisch korrekt? Ist das beleidigend und unfair? Darüber gehen die Meinungen im World Wide Web der Dauerbeleidigten, Humorlosen und selbsternannten Genderantirassismuskorrektheitsbeauftragten und in der Medienprofibesserwisserblase erwartungsgemäß auseinander.

          Da wird zum Beispiel moniert, es seien schon wieder „alte weiße Männer“ zu sehen. Dabei erscheint auch eine ältere Dame mit möglicherweise asiatischem Familienhintergrund. Und es geht – leicht zu kapieren für jeden mit zweistelligem IQ – eben gerade nicht um die Alten, sondern um die Jungen. Sie sollen angesprochen werden, und es war nicht die dümmste Idee der Bundesregierung, sich bei diesen Spots auf den nicht immer feinsinnigen Humor von Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt zu verlassen, von deren Firma Florida Entertainment die Filmchen stammen.

          Vor dem kritischen Blick eines Kommentators des kritischen Magazins „Panorama“ vom NDR kann das freilich nicht bestehen. Er zitiert „Polizisten, Busfahrer, Fabrikarbeiter, Krankenhauspersonal, Handwerker, Lehrer, Erzieher, Rettungssanitäter, Lieferanten, Paketzusteller, Beschäftigte im öffentlichen Dienst mit Publikumsverkehr, Sozialarbeiter, Pflegekräfte, Putzkolonnen, Schornsteinfeger, Tierärzte, Physiotherapeuten – und natürlich Schüler“, die eben nicht Couchsurfen könnten.

          „Das heldenhafte Zuhausebleiben“ heißt es da, „entpuppt sich so als Ideologie der oberen Schichten mit akademischer Ausbildung, die ihrer Erwerbstätigkeit vom heimischen PC aus nachgehen und sich auf Twitter über Regelbrecher echauffieren können.“

          Gut gebrüllt, Redaktionslöwe, können wir da nur sagen, Applaus und Retweets in der Blase von öffentlich-rechtlichen Mitstreitern gab es dafür gleich auch. Dabei hatte es gerade im NDR schon im März eine ganz ähnliche Humor-Heldensaga gegeben wie die nun gescholtene. Das war die vom Satiremagazin „extra3“ verbreitete Story vom Faulpelz „Sofaman“, dem Superhelden unserer Tage. War auch ganz lustig.

          Aber es will halt nicht in jeden Kopf, dass eine witzige Bestärkung, sich ins gerade Unvermeidliche zu schicken, nicht bedeutet, dass man damit alle anderen, die es den Stubenhockern nicht gleichtun können, abwertet und die Probleme negiert.

          Man kann wohl nur nicht erwarten, dass dies  gleich alle  verstehen. Regierungssprecher Steffen Seibert soll bloß nicht müde werden, die Spots weiter zu verbreiten und dabei bleiben, hier gehe es „um Heldentum der allerallerzivilsten Art“.  Es sei bedauerlich, wenn Menschen davon einen negativen Eindruck bekämen, sagte Seibert in Berlin. Der Appell sei ernst gemeint, vorgetragen werde er „augenzwinkernd“. Was die Bundesregierung und die Länderchefs zum Thema sonst noch zu sagen und entschieden haben, ist unwitzig genug. Und geschieht ohne Augenzwinkern.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Weitere Themen

          Pariser Improvisationskunst

          Kunstmesse FIAC : Pariser Improvisationskunst

          Aufwind in der Pariser Kunstszene: Die 47. Ausgabe der FIAC, ausgewichen ins „Grand Palais Éphémère“, punktet mit europäischer Prägung und hoher, unaufgeregter Qualität.

          Topmeldungen

          Forschung im Unterdruck-Labor: Viren werden in einer Nährlösung zur Vermehrung angeregt.

          Versuche mit dem Coronavirus : Außer Kontrolle

          Aufregung in den USA: Wie jetzt bekannt wird, haben Forscher am Wuhan-Institut mit amerikanischem Geld gefährliche Coronavirus-Experimente vorgenommen. Die „Gain-of-Function-Forschung“ muss dringend in ihre Schranken verwiesen werden. Ein Gastkommentar.
          Seit gut drei Jahren ein Paar: Prinz Philippos und Nina Flohr bei einer Hochzeit im Jahr 2019.

          Royale Hochzeit in Athen : Königssohn heiratet Milliardärstochter

          Prinz Philippos, der jüngste Sohn des letzten Königs der Hellenen, gibt am Samstag Nina Flohr das kirchliche Jawort in Athen. Noch wird gerätselt, wer zu den Gästen zählt. Fehlen wird Philippos’ ver­unglückte Patentante: Prinzessin Diana.

          CO2-Preis : Ein sozialer Ausgleich für die Klimapolitik

          Der CO2-Preis verteuert vor allem Autofahren und Heizen. Das birgt soziale Sprengkraft. Die Einnahmen sollen daher über einen fairen Ausgleich an die Bürger zurückfließen. Bloß wie?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.