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Die Affäre Millet : Breiviks Schatten

Schlagabtausch: Jean-Marie Le Clézio gehört zu den langjährigen literarischen Feindbildern von Richard Millet, der zuletzt mit seinen Äußerungen zum Fall Breivik für Aufsehen sorgte. Nun reagierte Le Clézio erstmals auf dessen Angriffe.

          Der Streit in Frankreich um Richard Millets „Lob auf Breivik“  geht weiter. Die Tageszeitung „Libération“ widmete dem „verlorenen Soldaten“ Millet nun ein Porträt, in dem sein Kampf in den Reihen der Phalangen im Libanon beschrieben wird. Millet hat damals Frauen, Männer, vielleicht auch Kinder erschossen. Und auch schon mal Hand an sich selbst gelegt. Er stellte seinem Breivik-Brevier ein Zitat des faschistischen Dichters Drieu La Rochelle vor: „Suizid? Nicht nötig. Das Leben und der Tod sind dasselbe.“ Nur das Schreiben zählt - Breiviks 1500-Seiten-Manuskript ist in Millets Augen wichtiger als sein Massenmord. Weniger Bewunderung hat der Gallimard-Lektor für einen Autor seines eigenen Verlags übrig: Der französische Literaturnobelpreisträger Jean-Marie Le Clézio gehört als „Apostel des Multikulturalismus“ mit einer „ebenso dummen wie naiven Weltsicht“ zu den langjährigen literarischen Feindbildern von Millet. Im „Nouvel Observateur“ reagierte Le Clézio jetzt erstmals auf diese Angriffe und bescheinigte Richard Millet eine „Sucht nach Skandalen und Aufmerksamkeit um jeden Preis“. Mit welcher „Meinungsfreiheit“, so Le Clézio, könne man derart abscheuliche Äußerungen wie die zu Breivik rechtfertigen?

          Genau das hat der Verleger beider Autoren inzwischen versucht: Antoine Gallimard will sich nicht von seinem Starlektor Millet trennen, der mehrere mit dem Prix Goncourt prämierte Romane betreut hat, darunter auch Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“. Solange er den Verlag nicht als Propagandazentrale benütze, bleibe Millet tragbar, ließ Gallimard über die Nachrichtenagentur AFP verlauten. Noch ist der Verleger aus dem Urlaub nicht nach Paris zurückgekehrt. Doch in seinem Haus rumort es. Nicht nur der Philosoph Bernard-Henri Lévy - der allerdings bei der Konkurrenz von Grasset publiziert - hält diese Entscheidung des Verlegers für einen noch größeren Skandal als Millets Breivik-Aufsatz. Mit einer „ethnischen Kloake“ habe Millet Frankreich verglichen, schreibt Lévy in „Le Point“ und erinnert an dessen Lob von Bin Ladin und Assad. Über die Gegenwartsliteratur schreibt Millet: „Sie ist die hedonistische Seite des Nihilismus mit dem Antirassismus als terroristischem Arm.“ Lévy appelliert nun an Gallimard: „Es ist schwer vorstellbar, dass dieser Mann die Nachfolger von Sartre oder Malraux verlegen kann. Die Affäre hat erst begonnen.“

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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