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Die älteste Landkarte der Welt : In Stein gemeißelt

Die Tafel von Saint-Bélec: Die Darstellung eines Territoriums ist ungefähr viertausend Jahre alt. Bild: AFP

In der Bretagne ist alles aus Stein: Küsten, Tische, Hausdächer. Jetzt wurde dort die älteste Landkarte Europas gefunden. Aus welchem Material mag sie sein?

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          In der Bretagne wurde ein Stein gefunden. Die Nachrichtenagenturen haben es gemeldet. Was sie jedoch verschwiegen haben: So etwas kommt häufiger vor. Eigentlich passiert es ständig, pausenlos. Es ist nämlich absolut unvermeidbar. Wer versucht, ein winziges Loch in der bretonischen Erde auszuheben, um etwa eine zartblättrige junge Hortensie einzupflanzen, hat unweigerlich nach vielstündiger Arbeit Dutzende von Granitbrocken verschiedenen Formats ausgebuddelt. Von den größeren, der Menhir von Kerloas etwa ist neun Meter hoch, sollte man stets zwei bis drei liegen lassen, denn Hortensien brauchen Schatten.

          Außerdem ist man bei Sturm, hinter seinem Privathinkelstein kauernd, halbwegs geschützt gegen die hier häufig auftretenden heftigen Windböen, die mächtige Kiefern fällen und Gartentore aus ihren Verankerungen reißen. So trifft man die Bewohner des Finistère die meiste Zeit des Jahres, nämlich während der Frühjahrs-, Herbst- und Winterstürme, in derselben Haltung an: hinter ihrem Hinkelstein hockend, genüsslich bretonische Spezialitäten verzehrend, Schutz suchend und Schutz erfahrend. Aus solchen Erlebnissen erwuchs das unerschütterliche Naturvertrauen des Bretonen, vor allem aber seine tiefe Steinverbundenheit. Küsten, Tische, Dächer: Hier ist alles aus Stein. Sogar Landkarten.

          Vor vier Jahrtausenden

          Der lange vergessene Stein von Saint-Bélec hat die Form einer Tafel und besteht aus graublauem Schiefer lokaler Herkunft. Er ist etwa 2,20 Meter lang, 1,50 Meter breit und bei einer Stärke von etwa sechzehn Zentimetern eine Tonne schwer. Seine Oberfläche wurde vor etwa viertausend Jahren sorgfältig bearbeitet. Die Gravuren, die noch immer deutlich zu erkennen sind, entstanden während der frühen Bronzezeit und wurden im Jahr 1900 entdeckt, als der bretonische Sammler und Historiker Paul du Chatellier einen Grabhügel freilegte. Die Steintafel, die eine der Seitenwände einer Grabkammer gebildet hatte, wanderte in die Privatsammlung des Forschers und bereits 1924 in ein Museum, wo sie offenbar in Vergessenheit geriet und erst 2014 in einem Keller wiedergefunden wurde.

          Jetzt haben Archäologen die Ergebnisse ihrer mehrjährigen Forschungsarbeit an dem Stein vorgestellt. Demnach handelt es sich um eine bronzezeitliche Landkarte und somit um die älteste bekannte kartographische Darstellung eines Territoriums in Europa. Wie die Zeitschrift „Antike Welt“ berichtet, zeigt die Tafel von Saint-Bélec ein etwa zwanzig Kilometer breites und dreißig Kilometer langes Gebiet am Rand der Hügelkette der Montagnes Noires, der Schwarzen Berge. Wer damals diesen Landstrich beherrschte, ein etwa sechshundert Quadratkilometer großes Reich am Ende der Welt, wie die Römer den äußersten Westen des heutigen Frankreichs nannten, ist unbekannt. Der Stein von Saint-Bélec im südlichen Finistère hat die Umrisse einer untergegangenen kleinen Welt über Jahrtausende bewahrt. Ihre Geheimnisse aber verschweigt er.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

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