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Die „4. Mai-Bewegung“ : Das Datum aller chinesischen Daten

  • -Aktualisiert am

Studenten demonstrieren in Peking am 4. Mai 1919 Bild: Archiv

Ereilt China alle dreißig Jahre ein Kulturbruch? Warum die politische Führung das Gedenken an den 4. Mai 1919, von dem die Kommunistische Partei ihre Entstehung ableitet, fürchtete wie die SED die Montagsdemonstrationen.

          Von all den prekären Jubiläen Chinas in diesem Jahr scheint dieses am erfolgreichsten unterschlagen zu werden: Das Gedenken an die „4.-Mai-Bewegung“ vor neunzig Jahren, aus der die Kommunistische Partei immerhin ihre eigene Entstehung ableitet, hält Peking diesmal so klein wie möglich, während die westliche Öffentlichkeit unterschätzt, was dieses Ereignis für die aktuellen Diskussionen über Demokratie und Nationalismus in China bedeutet.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wenn man sich heute fragt, was eine „chinesische Moderne“ im Unterschied zu der vom Westen her gewohnten auszeichnen könnte, muss man bei den damaligen Debatten ansetzen, gegen deren folgenreiche Radikalität andere Bewegungen wie die von 1968 bloß wie ein Spiel mit Symbolen wirken. Einige chinesische Intellektuelle nehmen gerade eine Neubewertung des „4. Mai“ vor, den sie für einen Schlüssel in den ungeklärten Fragen der Gegenwart halten. Der Pekinger Literaturwissenschaftler Wang Furen veröffentlichte jetzt ein Zeitschema, demzufolge das Land alle dreißig Jahre von einem Kulturbruch ereilt werde: 1919, 1949 (Beginn der kommunistischen Herrschaft), 1979 (Beginn der marktwirtschaftlichen Reformen). Was steht 2009 an?

          China retten

          Der Staatsdiskurs lässt sich auf eine solche Frage nicht ein und nimmt bei standardisierten Formeln Zuflucht. In einer Versammlung in der Großen Halle des Volkes sagte das Politbüro-Mitglied Li Changchun vor dreitausend in berufsständische Trachten gehüllten Jugendvertretern, solange sie an der Führung der Kommunistischen Partei festhielten, könne es an der fortdauernden „Erneuerung der chinesischen Nation“ keinen Zweifel geben. Und Staatspräsident Hu Jintao nutzte bei einem Besuch in der Pekinger Hochschule für Landwirtschaft den Tag, die Studenten zu fleißigem Studium und sozialer Praxis zu ermahnen.

          Alle offiziellen Kommentare erweckten den Eindruck, die erregten Debatten von damals hätten sich glücklich erledigt. Ganz offensichtlich erachtet es die chinesische Regierung zurzeit nicht als opportun, ein Ereignis in den Vordergrund zu rücken, bei dem Kultur und Ideen ihre vorgegebenen Gehege verlassen und in Politik übergehen.

          Ein solches Ereignis war aber die 4.-Mai-Bewegung wie sonst kaum eines. Sie drehte sich um die vermeintlich einfache Frage: Was bedeutet es, „in der Welt“ zu leben? Das war keine akademische Frage. Was ihr ihre Dringlichkeit und erstaunliche Wirkung gab, war die Befürchtung, dass China in seiner Existenz als souveräner Staat bedroht sei. Mit dem Ende des Kaisertums hatte China nicht nur seine politische Form, sondern auch seine hergebrachte kulturelle, symbolische Legitimität verloren, und dieses Vakuum schienen sich ausländische Mächte mit ihren separatistischen Absichten zunutze machen zu wollen. „China zu retten“, wie die Formel der Zeit lautete, war daher gleichbedeutend mit der Suche nach einer neuen kulturellen Fassung des Landes.

          Wir müssen unsere eigene Sprache sprechen

          Sich selbst mit anderen Ländern in Beziehung zu setzen war dabei sowohl Methode als auch Ziel. In dem „Aufruf an die Jugend“ von Chen Duxiu, mit dem die „Neue Kulturbewegung“ 1915 begann, heißt es: „Ich würde lieber sehen, dass die vergangene Kultur unserer Nation verschwindet, als dass unsere Rasse ausstirbt, weil sie nicht stark genug ist, um in der modernen Welt zu überleben.“

          Heute legen viele Intellektuelle wieder mehr Wert auf die Tradition, und der damalige Ikonoklasmus wird bisweilen kritisiert. Das chinesische „Life Magazine“, das der Bewegung ein Themenheft widmet, meint, wenn man die Klassiker vergesse, gerate man in eine neue Lächerlichkeit. Doch der scharfe Ton, der damals oft gegen den Konfuzianismus angeschlagen wurde - am schärfsten von dem Schriftsteller Lu Xun -, war vor allem eine Reaktion auf die Versuche, die alte Kultur als Überbau eines neuen Kaisertums zu restaurieren. Als deren Inbegriff erschien die tote, längst erstarrte Schriftsprache, die die konfuzianischen Gelehrten als allein würdig und geeignet für hohe Literatur betrachteten.

          „Wir müssen unsere eigene Sprache sprechen, die Sprache von heute“, forderte Lu Xun, der die Einführung der gesprochenen Sprache als Literatursprache direkt mit der internationalen Selbstbehauptung Chinas zusammenbrachte: „Zuerst müssen unsere jungen Leute China in ein Land verwandeln, das sich artikulieren kann . . . Und erst dann werden wir in der Lage sein, China und die Welt zu bewegen. Erst dann werden wir mit all den anderen Nationen in der Welt leben können.“

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