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Dichtende Staatsmänner : Verse aus der Einsamkeit der Macht

Nicht nur erzählerisch, auch in der theoretischen Literatur hinterließ Gaddafi eine Spuren. Das Bild zeigt ihn bei der Lektüre seines „Grünen Buches“, das eine Alternative zu Kapitalismus und Sozialismus entwerfen soll Bild: Reuters

Stalin, Mao, Gaddafi - eine poetische Ader scheinen Diktatoren öfter zu haben als Staatsoberhäupter von Demokratien. Gibt es eine echte Wahlverwandtschaft von Tyrannei und Poesie?

          Vorweg sei gesagt: Der Literatur ist selten ein Genie an die Staatskunst verlorengegangen. Die Liste der Regenten, die sich literarisch versuchten, ist lang, unerwartete Namen wie Jimmy Carter oder Barack Obama stehen auf ihr. Unvergessliche Zeilen hat keiner von ihnen hinterlassen. Die ausstehende Literaturgeschichte dichtender Herrscher, sollte sie überhaupt geschrieben werden, brauchte eher kunstsoziologische als ästhetische Kriterien.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          In Augsburg machte sich jetzt eine Konferenz unter dem Titel "Dichter und Lenker" an die Erschließung dieses brachen Feldes. Herrscher mögen zur Feder greifen, weil ein innerer Drang nach Ausdruck sucht oder Poesie und Politik eine narzisstische Charakterdisposition zusammenhält. Mit der Reife der Macht beginnen machtpolitische Gründe zu dominieren. Hybris und Überschwang der frühen Phase weichen im Zenit der Macht oft legitimatorischer Weltanschauungsprosa oder romantischer Verklärung.

          Ein klassisches Beispiel ist die Lyrik Mao Tse-tungs. Dichtete Mao auf dem Weg zur Macht noch in der freien Form des Kunstlieds Ci, wechselt er nach der Gründung der Volksrepublik zum gesetzten Maß des Lü-shi. Es kümmert ihn wenig, dass sein Rückgriff aufs Klassische seinen egalitären kulturpolitischen Vorgaben widersprach. Offensichtlich, so der Trierer Sinologe Karl-Heinz Pohl, stehen Legalismus und klassisches Versmaß in enger Beziehung. Zu Maos bevorzugten Stilmitteln gehörten andächtige Naturbilder („Dämmerschein, blaue Weite, seh' stämmige Kiefern"). Wer in dieser Lyrik ein weiteres, weicheres Bild des Herrschers sucht, die Artikulation eines unerledigten Rests, der vom Pragmatismus der Macht niedergehalten wurde, wird enttäuscht.

          Der Diktator kann sich die Abweichung von der Norm leisten: Auffällig sind die freien, expressiven Züge von Maos Handschrift, der auch als virtuoser Kalligraph galt.

          Mit ihrem weiten Literaturbegriff tat sich die Konferenz keinen Gefallen und handelte sich eine Reihe von banalen Exkursen ein. Die virile Natur- und Heldenprosa Theodore Roosevelts liest sich kaum weniger zäh als die griechischen Reiseerinnerungen Wilhelms II., in denen sich der exilierte Monarch mit idealen Zügen zum Comeback empfiehlt. Rar sind die Gegenbeispiele. Karol Wojtyla etwa ist es in seinem wenig bekannten Bühnenwerk durchaus ernsthaft und vielschichtig um die ethische Pflicht zur individuellen Selbstschöpfung zu tun, er schreibt es aber noch vor der Phase päpstlicher Macht. Auch den lyrischen Versuchen Friedrichs des Großen bescheinigte Vanessa de Senarclens (Berlin) Virtuosität. Schon das Volumen von vierzigtausend Versen spricht gegen die bloße Pflichtübung. Der aufgeklärte Monarch nimmt seine Verse zur Herrschaftskritik, aufklärerisch vorurteilsfrei in der dritten Person, und sucht die Transzendenz zu seiner politischen Rolle. Ob die Emanzipation gelingt, blieb offen.

          Der Zwiespalt zwischen politischer Pragmatik und ästhetischem Interesse tritt am eindrucksvollsten bei Joseph Goebbels hervor. Der promovierte Literaturwissenschaftler gehörte zu den wenigen Despoten mit avantgardistischem Kunstinteresse und stand damit quer zu Hitlers biedermeierlichen Favoriten. Offiziell proklamierte Goebbels einen hölzernen Kanon ein und ließ Gemälde abhängen, die er heimlich bewunderte. Schicksal desjenigen, der eine Stufe unter dem Diktator steht.

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