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Diagnose Alzheimer : Die Angst

Kernspintomogramm des Gehirns von Amalie S. mit geschrumpftem Hippocampus rechts und links Bild: Praxis Dr. Martin Haupt

Frau S. geht zum Arzt. Sie will wissen, warum sie so vergesslich geworden ist. Die Untersuchung ergibt Verdacht auf Alzheimer. Noch kann sie die Krankheit ignorieren, nicht aber die Diagnose.

          Amalie S., achtzig Jahre alt, das grau-weiße Haar mit einem Reif über dem Scheitel zurückgesteckt, hat ein gutes Gedächtnis. Nur eben nicht immer. Sachen, die sie sich vor kurzem gemerkt hat, ein Name, ein Termin, ein Weg, sind einfach weg, nicht nur verschüttet. „Das bin ich nicht gewohnt“, sagt sie, „es ist ein bisschen schnell gegangen.“

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Sie sitzt in der Gedächtnissprechstunde des Alzheimer-Spezialisten Dr. Martin Haupt in Düsseldorf, auf einem Teppich, dessen Muster an Sigmund Freuds Wiener Divan erinnert, sehr gerade trotz der Rückenschmerzen, die sie seit Jahrzehnten verfolgen. Zum angebotenen Glas Wasser bestellt sie eine Aspirin. Jeden Tag nimmt sie eine, „dann hat es sich“ - ihre Lieblingsformulierung. Nur heute Morgen hatte sie die Tablette vergessen.

          „Welche Medikamente nehmen Sie außerdem noch?“, fragt Martin Haupt, ein großer freundlicher Mann mit hoher Stirn, hinter seinem Wagenfeld-bestückten Eichenholzschreibtisch. Amalie S. zögert. Den Namen ihres Zuckermedikaments kann sie sich nicht merken und kramt in ihrer Handtasche, in der sie einen Schachtelausriss verstaut hat.

          Das hat sie alles geplant

          Die Umgebung der Praxis kennt sie gut. Wenige Meter entfernt hat sie ihr Auto geparkt - im Hof des Franziskanerklosters, in dem sie ehrenamtlich das Essen für Bedürftige ausgibt. Im nahegelegenen Krankenhaus hilft sie seit vierzehn Jahren bei der Blutspende. Um sich abzulenken, fährt sie Auto, Tag für Tag, quer durch Düsseldorf, bis in die Dörfer hinein. Manchmal kommt sie beim Dahintreiben plötzlich zu Bewusstsein und weiß nicht, wie sie hierhergekommen ist. Am meisten irritiert sie, dass sie seit etwa einem Jahr Gespräche komplett vergisst. Vor kurzem hatte sie sich mit ihrer 93 Jahre alten Nachbarin im Seniorenheim auf eine Stadtfahrt verabredet. Doch die alte Dame wartete vergeblich mit dem Rollator vor der Tür. „Sie wollten es sich doch aufschreiben“, sagte die Nachbarin später, aber auch das hatte sie vergessen.

          Als Beruf gibt Amalie S. „Kinderkrankenschwester“ an, aber seit ihrer Hochzeit in den Fünfzigern arbeitet sie nicht mehr in der Uniklinik. Sie ist in das Geschäft ihres Mannes eingestiegen und hat nebenher fünf Kinder großgezogen, alles Mädchen, die heute zwischen vierzig und sechzig Jahre alt sind. Sie alle stehen im Beruf und haben so wenig Zeit für ihre Mutter wie diese früher für sie.

          Letzte Woche hat sie ihr Testament gemacht, erzählt sie zufrieden. Ihr Vermögen wurde genau aufgeteilt, und die Töchter, alle unverheiratet, haben beim Notar der Reihe nach unterschrieben. So kann es keinen Streit geben. Sollte sich ihr Zustand verschlechtern, braucht sie von ihrem Seniorenheim nur ins anliegende Pflegeheim umzuziehen. Das hat sie alles geplant. Martin Haupt nickt.

          „Sieben-Drei-Eins-Fünf“, sagt Amalie S. leichtfertig. Martin Haupt ist zum Demenz-Detektions-Test übergegangen, und auch beim zweiten Versuch gelingt es ihr nicht, die Zahlenreihe „Fünf-Drei-Eins-Sieben“ richtig rückwärts aufzusagen. Von den zehn Merkbegriffen kann sie sich nur vier behalten, beim Aufzählen von Lebensmitteln im Supermarkt gerät sie ins Stocken. Sie kaufe ja kaum noch ein, sagt sie trotzig, mittags esse sie meistens auf dem Carlsplatz, und sonst brauche sie nicht mehr viel.

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