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Marteria und Casper : Ein kleiner Deutschrap-Mythos

  • -Aktualisiert am

Erstes gemeinsames Album: Marteria (links) und Casper Bild: Christian Hedel

Die beiden erfolgreichen Rapper Casper und Marteria haben ihr erstes gemeinsames Album gemacht und sprechen über den Reiz, in kleinen Clubs zu spielen, die Zweifel an ihren Stimmen und darüber, wie man im Hip-Hop würdevoll altert.

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          Wann ist das passiert, dass aus der erfolgreichen, aber Eltern erschreckenden Subkultur Hip-Hop die Massenmusik Deutschrap wurde? So vor zehn Jahren. Da veröffentlichte der Seeed-Sänger Peter Fox „Stadtaffe“. Das war vielen Rap-Fans noch zu wenig Rap und zu viel Dancehall, Orchester, Rumgesinge, doch 1,3 Millionen verkaufte Alben bewiesen, dass diesen poppigen Rap sehr viele Leute hören wollten, heimlich auch einige Rap-Fans. Es war dann Marteria, der mit „Zum Glück in die Zukunft“ 2010 die Grenze vom Rap in den Pop übertrat, und Casper, der sie ein Jahr später mit „XOXO“ auflöste. Von da an ging alles, deutscher Rap in Radio, Charts und Stadien. Marterias und Caspers Karrieren verliefen nicht nur ganz ähnlich erfolgreich, sie kennen einander auch schon ihr halbes Leben, seit sie sich 2000 bei einer Hip-Hop-Party trafen. Beide wuchsen eher in der Provinz auf, Marteria als Marten Laciny in Rostock, Casper als Benjamin Griffey, Sohn eines amerikanischen GIs, erst in Georgia, später im westfälischen Nirgendwo Extertal, beide sind Scheidungskinder. Nun haben sie zusammen ein Album aufgenommen, benannt nach ihrem Geburtsjahr 1982.

          Als Solokünstler haben Sie Nummer-Eins-Alben veröffentlicht. Sollten Sie mit „1982“ auf Tour gehen, könnten Sie sich aussuchen, in welchen Arenen Sie spielen. Machen diese Wahnsinnskarrieren manchmal ein bisschen wehmütig?

          Casper: Inwiefern?

          Weil Auftritte in kleinen Clubs eine Romantik und ein Zugehörigkeitsgefühl schaffen, die in Stadien selten entstehen. Weil in Ihrer Jugend Rap Musik war, um zu rebellieren, und sie heute jeder hört. Weil damals alles möglich war und Sie heute alles erreicht haben.

          Casper: Ja, das hab ich schon. Das Krasse ist, wie groß die Euphorie vor der ersten Hallentour war und wie schnell dann alles normal wurde. Früher ist man in die kleinen Clubs rein, hat selbst aufgebaut, danach dort abgehangen und Leute kennengelernt. Jeden zweiten Abend bin ich auf einer obskuren WG-Party gelandet. Das passiert nicht mehr, weil ich so weit weg bin von den Leuten vor der Bühne. Da denke ich schon oft zurück an das Gefühl von früher. Vor ein paar Jahren habe ich deshalb angefangen, vor der großen Tour Shows in kleinen Clubs zu spielen.

          Marteria: Das mache ich auch. Aber mir geht es ein bisschen anders. Ich habe immer gern in Clubs gespielt, alle packen die Handys weg, 500 Leute rasten aus. Bei meinen letzten Auftritten kam das nicht mehr so rüber. Auf einmal sah man auch überall Handys, alle machen Fotos für ihre Cliquen. Nicht anders als bei großen Konzerten. Ich bin aber auch ein Stadionfan. Ich mag das, geiles Licht und guten Klang. Klar, manchmal schaut man aufs Programm und sieht, wer morgen auftritt, irgendein Zauberer...

          Casper: Ja! Hans Klok!

          Marteria: Oder die Ehrlich Brothers. Aber wenn ein gutes Konzert in einer guten Halle ist, kann das genau dasselbe Gefühl erzeugen wie in einem Club. Ganz oft gibt es kleine Läden, in denen du nach drei Liedern tot bist, weil du keine Luft kriegst, die Klimaanlage ausfällt und siebzig Leute umkippen.

          Vor so einem Club haben Sie sich kennengelernt, oder?

          Casper: Wir haben uns kennengelernt, weil Marten beim Bund war. Anfang der nuller Jahre war das.

          Marteria: 2000, ja. Zehn Monate Grundwehrdienst. Nur weil ich „Full Metal Jacket“ geguckt hatte. Morgens um sieben zur Musterung gegangen: „Ich würde gern nach Afghanistan, Fallschirmjäger werden.“ Alles klar, du bist Kiffer, du kommst nach Munster.

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