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Renaturierung der Emscher : Das ist Köttelbecke

Die Emscher wandelt sich von der Kloake zum Lebensraum. Bild: dpa

Von der Kloake zum Lebensraum: Deutschlands schmutzigster Fluss, die Emscher, soll bis 2020 renaturiert werden. Eine Köttelbecke allerdings soll als olfaktorisches Mahnmal bleiben.

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          Noch fünf Jahre, dann wird im nördlichen Ruhrgebiet – diese Großbaustelle liegt im Plan und wird 2020 pünktlich ins Ziel gelangen – ein Generationenprojekt vollendet: die Renaturierung der Emscher und ihrer Zuflüsse, der Umbau eines offenen Abwasserkanalsystems in ein sauberes, naturnahes Gewässer, mit dem die tiefste und hässlichste Wunde der von der Industrialisierung geschundenen Region geheilt und dieser eine neue Lebensqualität gewonnen wird.

          Das ist eine Infrastrukturmaßnahme in XXXL, auf 4,5 Milliarden Euro beläuft sich das Investitionsvolumen. Einst ein unscheinbares Flüsschen, das sich von Holzwickede aus, wo es entspringt, durch die dünnbesiedelte Landschaft schlängelt und hinter Duisburg-Beeck den Rhein erreicht, wird die Emscher im neunzehnten Jahrhundert zum Abfallbeseitiger der aus dem Boden gestampften Bergwerke, Stahlwerke und Städte – und als sie in Folge von Erdbewegungen immer öfter das Tal und ganze Siedlungen überschwemmt zum Seuchenherd, in dem Typhus und Cholera gären. Woraufhin die Emschergenossenschaft 1906 den Plan fasst, die ausufernde Plage einzudämmen, den Fluss zu begradigen, in Betonschalen zu pressen und, weil die häufigen Bergsenkungen keine unterirdische Kanalisation zulassen, als offene Kloake zu führen.

          Die „schwatte Emscher“ macht Karriere und wird zu Deutschlands schmutzigstem Fluss: zur Köttelbecke, die sich olfaktorisch schon von weitem ankündigt! Fast hundert Pumpwerke und vier große Kläranlagen werden ihr zur Seite gestellt, die Mündung wird zweimal, erst nach Duisburg-Walsum, dann nach Dinslaken rheinabwärts, verlegt, doch erst als der Kohleabbau nach Norden weitergewandert ist, kann in den neunziger Jahren damit begonnen werden, die Abwasserkanäle unter die Erde zu legen und den Fluss zu renaturieren. Bis in den Süden von Dortmund, wo er in Hörde, am Standort des Stahlwerks Phoenix-Ost, einen See bildet, ist das bereits geschehen. Und wenn die Emscher eines gar nicht mehr so fernen Tages so klar und idyllisch durchs Tal fließen wird wie die Altmühl bei Eichstätt oder – auch nicht zu unterschätzen – die Ruhr zwischen Essen-Werden und Essen-Kettwig, wird bald und gerne vergessen sein, was für eine Dreckschleuder sie mehr als hundert Jahre lang gewesen ist.

          Zu didaktischen Zwecken

          An einer Stelle aber wird sich, dafür sorgt der Denkmalschutz, auch dann noch ablesen lassen, wie die Flusslandschaft ehedem reglementiert und ihr zugesetzt wurde: Die letzten 150 Meter der kleinen Berne, die, aus dem Essener Südostviertel kommend und an der Universität vorbei, den Rhein-Herne-Kanal unterquert und in Bottrop in die Emscher plätschert, werden als schnurgerade Betonrinne, als Köttelbecke erhalten.

          Die Wahl dieses Abschnitts folgt auch didaktischen Absichten: Von der Brücke in der Ebelstraße aus werden Schulklassen, wenn sie in Richtung Mündung blicken, sehen können, wie es einmal war, und, wenn sie sich umdrehen und bachaufwärts schauen, was daraus geworden ist. Das Viadukt als Aussichtsplattform des Strukturwandels. Auf volle Authentizität des Ortes muss allerdings verzichtet werden: Der Originalgeruch kann nicht konserviert werden.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

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