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Deutschlands Rolle in der Welt : Neue deutsche Illusionen

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Wer ist heute der populärste Vertreter der politischen Theorie in Asien? Nicht der Angelsachse John Rawls, sondern der Deutsche Carl Schmitt (1888-1985), das heißt der schärfste Kritiker der liberalen Demokratie und der wortgewandteste Verfechter eines „liberalen Autoritarismus“ und einer Großraum-Weltpolitik. Und so ist denn Friedrich Lists Klassiker 2008 zum ersten Mal seit fünfzig Jahren in Deutschland wieder aufgelegt worden, und der Name Carl Schmitts hat den von Jürgen Habermas in außenpolitischen Zeitschriften (wie Internationale Politik) und den von Carl Clausewitz in militärischen Kreisen verdrängt.

Demographie heißt das Problem

Kurz gesagt, um mit China konkurrieren zu können, ist Deutschland bereit, „chinesisch“ zu werden, zumal China dem wilhelminischen Deutschland immer ähnlicher wird. Und was soll daran falsch sein? Es gibt da in der Tat drei Probleme:

1. Die Demographie mag ja kein Schicksal sein, doch wie Stalin gerne sagte: „Manchmal besitzt Quantität ihre eigene Qualität.“ China hat 1,3 Milliarden Einwohner, Deutschland 82 Millionen, aus denen, falls die aktuelle demographische Entwicklung anhält, in kaum mehr als einer Generation 70 Millionen werden dürften. Der Gedanke, Deutschland könnte es „im Alleingang“ schaffen, ist einfach nur lächerlich.

2. Heutzutage erfordert Weltpolitik eine ausgeklügelte staatliche Diplomatie. Die Leistung der deutschen Diplomatie ist aber nicht nur miserabel, in der Regel werden deutsche Politiker und Meinungsmacher zudem eher als aufgeblasene und sadistische Schleifer empfunden denn als mediengewandte Akteure.

3. Eine redliche Weltpolitik ist mehr als nur Ökonomie und eine Fixierung auf China. Leider hat die Beteiligung der unternehmerfreundlichen FDP an Merkels Koalition seit Ende 2009 zu einer unausgeglichenen Außenpolitik geführt. Erstens räumt sie Steingarts sozialdarwinistischem Grundgedanken allzu zentrale Bedeutung ein. Zweitens hat die Tatsache, dass Chinas Anteil am weltweiten Bruttosozialprodukt (nach OECD-Angaben) den der Eurozone 2013 und den der siebenundzwanzig EU-Staaten 2015 überholen wird, der von wirtschaftlichen Erwägungen dominierten deutschen Außenpolitik einen übertriebenen Charakter der Dringlichkeit verliehen. Diese beiden Faktoren sind weitgehend verantwortlich für die Tatsache, dass die Beziehungen Deutschlands zu Europa weniger von Kooperation als von Zwang geprägt sind.

Auch die linken Eliten sind auf dem Holzweg. Nicht nur finden sich einige der glühendsten Verfechter einer europäischen Föderation auf der Linken (angefangen beim früheren Bundeskanzler Schröder und dem ehemaligen Außenminister Fischer), auch die Ansichten der Grünen zu den zukünftigen Beziehungen zwischen der europäischen Union und China gehören in das Reich eines geopolitischen Wolkenkuckucksheims.

Hier ein paar Botschaften an die deutschen Eliten:

  • Das einzige Reich, das jemals den Geist Europas atmete, war das multinationale, von unterschiedlichen Geschwindigkeiten geprägte Habsburgerreich, in dem Nichtdeutsche nicht gezwungen wurden, sich als Deutsche neu zu erfinden. Wenn Sie Sehnsucht nach dem Kaiserreich haben, können Sie ja in Ihrem Land die Hohenzollernmonarchie wiederherstellen. Aber Sie sollten sich ein für allemal von dem Gedanken verabschieden, aus der Europäischen Union ein größeres Kaiserreich zu machen.
  • Das Verhältnis zwischen West und Ost wird in Wirklichkeit ebenso von Kooperation und Wettbewerb wie von Konfrontation geprägt sein. Wenn Sie eine Großerzählung brauchen, um die deutsche und die europäische Öffentlichkeit zu mobilisieren, sollten Sie sich nicht an Steingarts eindimensionales Buch halten, sondern eher an Parag Khannas umfassenderes (wenn auch immer noch einseitiges) „Der Kampf um die Zweite Welt: Imperien und Einfluss in der neuen Weltordnung“ .
  • Und schließlich: Das Entscheidende ist nicht die Ökonomie. Es ist die Demographie! Statt zu versuchen, aus Griechen Deutsche zu machen, sollten die heutigen Deutschen lieber mehr deutsche Kinder zeugen. Kürzlich hat Nicolas Sarkozy die Franzosen aufgefordert, in ihrer Arbeit „deutscher“ zu werden. Es ist höchste Zeit, dass Angela Merkel nun ihrerseits die Deutschen auffordert, „französischer“ zu werden, und zwar beim Nachwuchs.

Aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff.

Tony Corn

Tony Corn war lange Jahre als politischer Berater und im diplomatischen Dienst des Außenministeriums der Vereinigten Staaten tätig und unterrichtete am U. S. Foreign Service Institute in Washington, DC. Der Aufsatz ist eine Fortsetzung seines Artikels „Toward a Gentler, Kinder, German Reich? The Realpolitik behind the European Financial Crisis“, der im Small Wars Journal im November 2011 erschien. Die in ihm geäußerten Ansichten sind die des Autors und nicht des U. S. Department of State.

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