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Deutschlands bekanntester Hochofen : Das Fotomodell wird geschleift

Die Königsperspektive auf eine Industrie-Ikone: Blick durch die Duisburger Dieselstraße auf den Hochofen 4 Bild: Katrin Susanne Gems

Landmarke des Ruhrgebiets und Wahrzeichen der Technikgeschichte: Kein Hochofen in Deutschland wurde so oft fotografiert und gefilmt wie der Hochofen 4 in Duisburg-Bruckhausen. Jetzt wird er demontiert.

          Wann immer in den letzten Jahren das Ruhrgebiet, wie es war und - vor allem von außen - am liebsten gesehen wird, ins Bild gesetzt wurde, war er als Zeuge zur Stelle: der Hochofen 4 von ThyssenKrupp in Duisburg-Bruckhausen, wie er sich, eine achtzig Meter hohe Großapparatur, am Ende der Dieselstraße, meist mit dem Teleobjektiv herbeigezoomt, bildmächtig erhebt. Seht her, so die Botschaft des Bildes, es gibt noch das alte Ruhrgebiet, wo es die Sonne schwer hat, durch die von Abgaswolken belastete Luft zu dringen, und Werk und Wohnen eng nebeneinander liegen. Kein Hochofen in Deutschland wurde so oft fotografiert und gefilmt. Horst Schimanski ermittelte vor der Kulisse im „Tatort“, Günter Wallraff hat, als er 1983 als „Türke Ali“ bei Thyssen malochte, hier in der Dieselstraße 10 gewohnt.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Was heute als klassische Landmarke des Ruhrgebiets wahrgenommen wird, ist auch ein Wahrzeichen der Technikgeschichte. 1964 errichtet und im Jahr darauf angeblasen, stand der Hochofen 4 mit seinem charakteristischen Traggerüst damals an der Spitze der technologischen Entwicklung: 4200 Tonnen Roheisen hat er täglich erzeugt, mehr als eineinhalb Millionen Tonnen im Jahr, 43 Millionen Tonnen insgesamt. 1988 noch einmal neu zugestellt, blieb er weitere zwanzig Jahre in Betrieb, erst im Mai 2008 wurde er durch ein moderneres und effizienteres Aggregat ersetzt: Der rund 250 Millionen Euro teure Hochofen 8 tritt, da das Gerüst eingehaust ist, kompakter auf, und an seiner Außenseite zeigen - ganz schön poppig-bunt hier! - nach oben heller werdende Rotabstufungen die verschiedenen Wärmezonen an.

          Die Alterskarriere geht zur Neige

          Mit seiner Stilllegung wurde der Hochofen 4 nicht zur industriellen Schrottimmobilie. Als Kaltreserve, auf die zurückgegriffen werden kann, wenn der Nachfolger gewartet werden muss oder die Konjunktur wieder anzieht, blieb er in Funktion. Inzwischen ist auch der benachbarte Hochofen 9 rundum erneuert, und in Schwelgern, nur ein paar Kilometer rheinabwärts, bringen es zwei hochmoderne Aggregate auf mehr als die doppelte Kapazität. So kommt die Nachricht, dass Thyssen-Krupp den Hochofen 4 abreißen wird, nicht überraschend. Im Zusammenhang mit einem technokratischen, gegen die Interessen der Anwohner gerichteten Strukturwandel, der gegenüber ein gründerzeitliches Wohnquartier mit solider Bausubstanz für eine an dieser Stelle belanglose Grünanlage plattmacht, erscheint die Entscheidung von niederschmetternder Konsequenz: eine konzertierte Aktion, in der sich eine verfehlte Stadtentwicklung und die allgemeine Geschichtsvergessenheit verschwistern.

          Mit der Demontage, die ein ganzes Jahr beanspruchen wird, geht auch die Alterskarriere des Hochofens 4 zur Neige: Das Fotomodell tritt ab. Ohne die Dieselstraße, die darauf zuläuft, stünde das Industriedenkmal ja auch nackt da. Mit dem ikonographischen Straßenbild verschwindet ein reviertypischer Kontext, wie er ähnlich dicht nirgendwo im Ruhrgebiet mehr erhalten ist. Das Werk, mit dessen Aufbau August Thyssen hier 1895 begonnen hat, aber wird weiterarbeiten. Auch ohne Hochofen 4 bleibt Duisburg, die alte „Stadt montan“, der größte Stahlstandort Europas.

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