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Peinliches Interview im DLF : Geflutet

Verwüstet: Der Ortskern von Rech an der Ahr, drei Monate nach der Katastrophe. Bild: dpa

Die Landesregierung von Rheinland-Pfalz gibt bei der Hilfe für die Flutopfer im Ahrtal eine miserable Figur ab. Beim Interview im Deutschlandfunk scheint das leider nicht auf. Wir bitten um einen etwas kritischeren Ansatz.

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          Wenn man ein Interview führt, ist es nicht von Schaden, sich vorzubereiten. Was passiert, wenn man einfach so loslegt, konnte man am Donnerstag im Deutschlandfunk hören. Da nämlich ließ sich der Moderator der „Informationen am Morgen“ bei seinen Erkundigungen nach der Hilfe für die Opfer der Flut im Ahrtal vom Opferbeauftragten der Landesregierung, Detlef Placzek, über den Tisch ziehen.

          Zaghaft hatte der Journalist angedeutet, die Hilfe an der Ahr verlaufe wohl nicht ganz reibungslos. Das wies der Opferbeauftragte empört zurück. Da die Kritik nicht unterfüttert war, außer durch den Verweis auf die Bild-Zeitung, die mehrere Seiten mit Katastrophenberichten füllte, die darlegen, dass die Landesregierung auf ganzer Linie versagt, war es Placzek ein Leichtes, so zu tun, als sei alles in bester Ordnung. Der „Opferbeauftragte“ gerierte sich wie ein Regierungssprecher.

          Dabei hätte der Blick auf nur einen anderen unabhängigen Bericht zur Lage – wie ihn die F.A.Z. (13. Oktober) und andere hatten – gereicht, um Placzek Lügen zu strafen. Die für die Flutopfer bereitgestellte Summe von fünfzehn Milliarden Euro ist groß, doch sind erst 400 Anträge auf Hilfe bearbeitet, ohne die vielen Freiwilligen sähe es im Ahrtal noch düsterer aus, als es ist. Die Landesregierung, deren Innenminister Lewentz sich am Abend der Katastrophe in sein „privates Büro“ zurückgezogen hatte, gibt ein miserables Bild ab. Der Regionalsender SWR, dessen Mainzer Dependance sich durch eine einzigartige Nähe zur Staatskanzlei auszeichnet, fällt als kritische Stimme aus. Da hätten wir uns vom Deutschlandfunk etwas Ehrenrettung für den kritischen öffentlich-rechtlichen Journalismus erwartet. Gab es aber nicht. Das war jämmerlich. Doch wir geben die Hoffnung nicht auf.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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