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Deutschland und Italien : Fremde Freunde

Was halten Deutsche und Italiener voneinander? Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat Bürger beider Länder befragt.

          3 Min.

          Am Samstag jährt sich die Unterzeichnung der Römischen Verträge, die am 25. März 1957 im Senatorenpalast gefeiert wurde, zum sechzigsten Mal. Das Jubiläum setzt das Verhältnis zwischen Italien und Deutschland, die seit ihrer späten Nationalstaatsbildung politisch, ökonomisch und kulturell eng verbunden sind, auf den Prüfstand. Die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) ließ bereits im Sommer 2016 eine Umfrage, an der fast 1200 Italiener und tausend Deutsche teilnahmen, durchführen, um Selbst- und Fremdwahrnehmung zu erfassen.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Ergebnisse wurden im Herbst in Rom, Mailand und Turin vorgestellt und machen jetzt in der Bundesrepublik die Runde. Im Italienischen Kulturinstitut in Köln haben Ernst Hillebrand, Leiter des FES-Büros in Rom, und die in Berlin lebende Laura Garavini, die als Vertreterin der Auslandsitaliener für den Partito Democratico (PD) in der Abgeordnetenkammer sitzt, sie unter dem Titel „Fremde Freunde – Amici distanti“ zur Diskussion gestellt.

          Italien hat größere Sorgen als Flüchtlingspolitik

          Das gegenseitige Bild sei, so heißt es in der Einleitung, weder spannungs- noch vorurteilsfrei: „Man kennt sich ganz gut – aber man liebt sich nicht unbedingt.“ Starkes Deutschland, schwaches Italien, hier Wachstum, dort Stagnation – das ist auf beiden Seiten der Befund. Auf die Frage „Wie bewerten Sie die wirtschaftliche Situation in Ihrem Land?“ antworten 77 Prozent der Deutschen, aber nur zehn Prozent der Italiener: positiv. In der Fremdeinschätzung beurteilen 83 Prozent der Italiener die Lage in Deutschland, 19 Prozent der Deutschen die in Italien als günstig. Wirtschaftskraft, Gesundheitsversorgung, soziale Absicherung, Lebensqualität, Schul- und Bildungssystem: Auf jedem der Felder erhält die Bundesrepublik deutlich bessere Werte. Am geringsten ist der Abstand aus deutscher Sicht bei der Lebensqualität, aus italienischer Sicht bei der Gesundheitsversorgung.

          Die unterschiedlichen ökonomischen Ausgangsbedingungen bestimmen auch die Problemwahrnehmung auf EU-Ebene. Für die Deutschen steht die Flüchtlingspolitik (43 Prozent) ganz oben, vor Terrorbekämpfung und Friedenssicherung. Italien hat, obwohl „Frontstaat“, größere Sorgen: Die Flüchtlingspolitik kommt nach wirtschaftlichen Themen wie Arbeitslosigkeit und Aufschwung an dritter Stelle (23 Prozent). Die Krise schlägt auch durch auf die Beurteilung der EU-Mitgliedschaft für das eigene Land. Für die Deutschen überwiegen die Vorteile (43 Prozent) die Nachteile (18 Prozent), für die Italiener ist es umgekehrt. Die Diskrepanz wird seit 2010 größer: In der Bundesrepublik wächst die Zustimmung, in Italien die Skepsis gegenüber der EU; 41 Prozent der Deutschen schreiben die gute Entwicklung dem Euro zu, den 53 Prozent der Italiener für die Ursache der Krise halten.

          Besonders resistente Stereotypen

          Typisch deutsch? Typisch italienisch? Vorstellungsbilder und Mentalitäten wurden mit gegensätzlichen Eigenschaftspaaren abgefragt. Hier erweisen sich die Stereotypen als besonders resistent: Die Deutschen identifizieren das Bel paese mit Dolce Vita, Lebensqualität und, obwohl es die niedrigste Geburtenrate Europas hat, mit einem hohen Stellenwert der Familie. Die Italiener sehen die Bundesrepublik als hochwertigen Wirtschaftsstandort – gute Infrastruktur, innovativ, stabil. Die positiven Eigenschaften, die sich die Deutschen zuschreiben, teilen sie nicht: Für sie ist die Mehrheit der Deutschen eher unkreativ und egoistisch, vor allem aber nationalistisch und unflexibel, zudem geizig und individualistisch. Deutsche haben mehr Kontakte zu Italienern als andersherum: Sechzig Prozent von ihnen geben an, das Land in den vergangenen zehn Jahren mindestens einmal besucht zu haben; 58 Prozent der Italiener erklären, noch nie in Deutschland gewesen zu sein.

          Höchstwerte beim Bekanntheitsgrad: 29 Prozent der Deutschen kennen Eros Ramazotti.

          „Fällt Ihnen spontan der Name eines deutschen/italienischen Musikers, Denkers, Schriftstellers, Schauspielers, Filmregisseurs ein?“ Die Kenntnis von Künstlern des anderen Landes offenbart ein Paradox: Vergangenes scheint präsenter als Gegenwärtiges. In Italien tritt es noch krasser hervor als in Deutschland: Beethoven und Bach, Kant, Nietzsche und Hegel, Goethe, Thomas Mann und Hesse, Marlene Dietrich (!), Fassbinder und Wenders werden (mit Höchstwerten von gerade mal acht Prozent) genannt, aber kein Karl Marx, kein Brecht und kein Edgar Reitz. Das Gegenbild ist etwas aufgeschlossener: 29 Prozent der Deutschen nennen Eros Ramazzotti, 26 Prozent Umberto Eco, 22 Prozent Sophia Loren; Gianna Nannini, Bud Spencer und Adriano Celentano, Fellini, Sergio Leone und Carlo Ponti, Leonardo Da Vinci, Galilei und Dante bleiben zwischen sieben und zwei Prozent, weder Verdi noch Pirandello, Dario Fo, Camilleri oder Saviano finden Erwähnung.

          Von Gefühlen und Projektionen war in Köln kaum die Rede, nicht vom Land der Sehnsucht, nicht von Mode und Design. „Im Grund herrscht in beiden Ländern ein nüchtern-freundlicher Blick auf das jeweils andere Land und seine Menschen vor“, lautet das trockene Fazit. Auch in den kulturellen Beziehungen, das mag überraschen, sind Italiener und Deutsche nicht mehr als „fremde Freunde“.

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