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Deutschland und die Finanzkrise : Groß war unser Selbstbetrug

  • -Aktualisiert am

Die Transferunion ist unausweichlich, wenn Europa als politische Option nicht aufgegeben werden soll Bild: dpa

Wird Deutschland langsam zu „Deutschland“? Wenn das mit der Finanzkrise so weitergeht, sollten wir unser Land besser in Anführungszeichen setzen.

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          Kann sich jemand noch an die „DDR“ erinnern? Dies war bis zum 1. August 1989 die verbindliche Schreibweise der Publikationen im Springer Verlag. Axel Springer selbst hatte eine Begründung, warum er die DDR nicht einfach schrieb, wie sie sich schrieb: Die DDR sei als Marionettenstaat Russlands nicht deutsch, als SED-Diktatur nicht demokratisch und auch keine Republik gewesen, weil eine Republik dem Gemeinwohl verpflichtet sei.

          Muss man die Bundesrepublik Deutschland zukünftig auch in Anführungszeichen? In der gegenwärtigen Debatte kann man den Eindruck haben. Es gab in der Geschichte des ursprünglich westdeutschen Teilstaates keine Situation, die mit der heutigen vergleichbar gewesen wäre. Seine Grundlagen wanken. So wird angesichts des europäischen Rettungsfonds EFSF die Frage diskutiert, ob dieser Fonds nicht die Demokratie aus den Angeln heben wird. Schließlich beschneide er das Budgetrecht des Bundestages als Königsrecht eines Parlaments. Ist diese Bundesrepublik noch deutsch zu nennen? Das wird von Kritikern des europäischen Kraftaktes bestritten. Sie sehen nicht nur die Kompetenzen unserer Institutionen nach Brüssel verschwinden, sondern fürchten die Auflösung des deutschen Nationalstaates.

          Die neue Mitte fährt Porsche

          Und was ist mit der Republik? In diesen Tagen wird die Gemeinwohl-Orientierung nicht nur von Linken bezweifelt. „In der Bundesrepublik wurde man oben reicher, in der Mitte bescheidener und unten ärmer“, so schrieb der ehemalige Minister in der ersten Regierung Schröder, Michael Naumann, in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Eine linke Gesellschaftskritik, die solche Diskrepanzen systematisch thematisiert hätte, galt laut Naumann als überholt. „Die neue Mitte fährt Porsche“, so zitiert er Kanzler Schröder und vermerkt den bitteren Tonfall in dieser Bemerkung.

          Am Beispiel von Porsche lässt sich die Ambivalenz dieser Entwicklung verdeutlichen. Der kleine Sportwagenbauer wollte in einem Kraftakt den Wolfsburger Riesen VW feindlich übernehmen. Am Ende wurde Porsche von VW übernommen, der vom hochbegabten Ingenieur zum Finanzmarkt-Akrobaten mutierte Wendelin Wiedeking mit Abfindung in Pension geschickt. Es traf damit einen der wenigen deutschen Topmanager dieser Zeit, der sich vorher gegen die Übernahme angelsächsischer Gesellschaftsvorstellungen ausgesprochen hatte.

          Die Krise stellt Gewissheiten in Frage

          Aber die Dynamik der Finanzmärkte stellte die Welt buchstäblich von den Füßen auf den Kopf. Selbst ein kleiner Konzern konnte einen im Vergleich riesigen Konkurrenten übernehmen. Er brauchte nur die Bereitschaft von Investoren, sich hoch zu verschulden. Dazu die Fähigkeit von Wiedekings kongenialen Finanzvorstand Holger Härter, auf dem Finanzmarkt das Geld zu verdienen, das man für die Übernahme brauchte. Mit dem Verkauf von Sportwagen ließ es sich nicht verdienen, obwohl Porsche das rentabelste Unternehmen der Branche gewesen war. Härter und Wiedeking verloren nach ihrer Niederlage den Job, dagegen der Eigentümer des Ratiopharm-Konzerns Adolf Merckle sein Leben. Er wollte seine finanzielle Schieflage mit Wetten auf fallende VW Aktien lösen. Das ging schief und sein Bankrott war danach unvermeidlich geworden. Merckle wählte den Freitod.

          In dieser Welt des Finanzkapitalismus, in der sich Ingenieure nicht mehr über Autos, sondern über Optionsscheine Gedanken machen, war alles möglich geworden. Erst vier Jahre nach dem Ausbruch der Krise im August 2007 werden die Folgen sichtbar. In der Routine des Alltags blieben sie bisher weitgehend verborgen. Die Krise im Euroraum hat das endgültig geändert. Erst sie stellt die Gewissheiten in Frage, die die deutsche Politik seit 1949 bestimmt haben. Der Weg dahin war lang. So war die Ausgestaltung des Euro ein typischer Kompromiss der europäischen Politik gewesen, wie Helmut Kohl vor kurzem wieder deutlich gemacht hat. Politisch wollte vor allem Frankreich die Bundesbank als dominante Institution der europäischen Wirtschaftspolitik vergemeinschaften. Dafür bekamen die Deutschen das Versprechen auf ihre Stabilitätskultur vertraglich zugesichert, eine Zentralbank, die sich nur um die Inflation zu kümmern habe, einen sparsamen Staat und eine Wirtschaftspolitik, deren oberstes Credo Wettbewerbsfähigkeit hieß.

          Viele Volkswirtschaften haben einfach über ihre Verhältnisse gelebt

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