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Deutsches Historisches Museum : Zwischen Nation und Inflation

Der innerdeutsche Rettungsschirm: Auf dem Plakat der Kreissparkasse von 1953 trotz die Familie dem Wetter. Bild: Deutsches Historisches Museum, B

Ein Kontobuch ließ sich auch gut als Schuhsohle nutzen: Das Deutsche Historische Museum erzählt die Geschichte des privaten Sparens in Deutschland.

          Schon die Römer haben gespart. In der Ausstellung, die das Deutsche Historische Museum zur Geschichte des Sparens veranstaltet, steht ein Tontopf mit Münzschlitz und kaiserzeitlichen Sesterzen neben Metallsparbüchsen aus dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert. Das ist beruhigend, denn sonst hätte man tatsächlich geglaubt, dass das Sparen eine deutsche Nationaleigenschaft ist und kein Bedürfnis beinahe aller Völker.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der Titel der Ausstellung ist jedenfalls gut gewählt, denn er fordert zum Widerspruch heraus. Wird anderswo, in China oder Schweden, etwa nicht gespart? Aber wo hätte das Sparen je ein solches Gewicht im Kollektivbewusstsein bekommen wie bei den Deutschen? Mit historischen Ausstellungen ist es wie mit Ali Babas Felsenhöhle: Wenn man nur das richtige Stichwort sagt, öffnet sich die Schatzkammer der Geschichte von selbst. Hier sind es der Erste Weltkrieg, die Inflation von 1923, der Nationalsozialismus, das Wirtschaftswunder und die Finanzkrise, die für die Exponate sorgen: Sparbücher, Sparkarten, Sparautomaten, Spardosen aus Granathülsen, Sparkassen-Broschüren, Werbe- und Wahlplakate, Ölgemälde von Leibl („Der Spargroschen“) und Schlagzeilen von Springer.

          Bank im Getto Theresienstadt

          Das alles hätte, wie schon manches Mal im DHM, auch zu einer Parade der Petitessen werden können. Aber der Kurator Robert Muschalla hat sein Thema zeitlich streng sortiert, von der ersten Sparkasse bis zum Norddeutschen Bund, von dort bis zum Kriegsausbruch 1914, vom Waffenstillstand bis zur Machtergreifung und so weiter, so dass die Ausstellung mehr unter Schwere als unter Leichtigkeit leidet. Aber nur ein wenig. Man findet immer wieder Objekte, in denen das Abstrakte lebendig, das Historische anschaulich wird. Ein Sparbuch, beispielsweise, der 1931 geborenen Charlotte Menke, die als Kind bei einer Luftschutzübung ihr rechtes Augenlicht verlor. Die Entschädigung von tausend Reichsmark wurde ihr auf ein Konto der Danziger Sparkasse gutgeschrieben. Das Sparbuch überlebte, weil ihre Mutter es auf der Flucht vor der Roten Armee als Einlegesohle benutzte: eine ganze Kriegskindheit bewahrt in einem Stück Papier.

          Heimsparbüchse mit Sprüchen und Bildmotiven, um 1900

          Selbst im Getto Theresienstadt gab es eine Bank, für die die SS der jüdischen Selbstverwaltung einen eigenen Mitarbeiterstab genehmigte und deren Restvermögen bei Kriegsende an die aus Auschwitz heimkehrenden Überlebenden ausgezahlt wurde. Zwangsarbeiter mussten zwangssparen, Hitlerjungen, Bauernsöhne, KdF-Urlauber und künftige Kunden des Volkswagenwerks wurden mit völkischen Parolen – „Dein Sparen hilft dem Führer“ – zur Geldanlage animiert. In Wahrheit floss das Volksvermögen durch Ausgabe von Staatsanleihen an die Sparkassen in Hitlers Rüstungspolitik. Es half wirklich nur dem Führer. Der Nationalsozialismus betrieb Sparerpflege als Massenbetrug.

          Sparbüchse in Form einer Fliegerbombe mit der Aufschrift „Deutscher Fliegergruß“, 1914/16

          Damit setzten sie die Praxis des Kaiserreichs fort, das den Ersten Weltkrieg fast ausschließlich mit Krediten und Kriegsanleihen finanziert hatte. Nach Kriegsende ließ die Weimarer Republik Geld drucken, um die Zinslast zu stemmen. Die Hyperinflation entwertete die Anleihen, die Vermögen der Mittelschicht wurden zu Luft. Acht Jahre später gaben drei Großbanken im Gefolge der Weltwirtschaftskrise ihre Zahlungsunfähigkeit bekannt. Die Sparer stürmten die Schalter. Die Regierung unter Brüning reagierte mit der Verstaatlichung des Bankensektors. Schon damals fiel die Commerzbank an die öffentliche Hand. Die Garantieerklärung, mit der Angela Merkel und Peer Steinbrück auf dem Höhepunkt der Finanzkrise die deutschen Sparer beruhigten, war ein Reenactment von 1931. Auch das lernt man hier.

          „Geld ablegen kann auch der Dümmste“

          Die Ausstellung legt die historischen Umbrüche und Katastrophen säuberlich nebeneinander. Ihre Wirkung auf die nationale Psyche muss man sich dazudenken. Eine Exkursion in die deutsche Literatur (die auch der Katalog leider nur halbherzig unternimmt), etwa zu den Kleinsparern Falladas und Roths, hätte der Schau ebenso gutgetan wie ein tieferer Blick in die Geschichte. Die erste große Inflation fand schon im Dreißigjährigen Krieg mit der Kipper- und Wipperzeit statt. Hundert Jahre später brachte die auf Münzverschlechterung fußende Kriegswirtschaft Friedrichs des Großen eine neuerliche Geldentwertung. Unter französischer Besetzung ging das Währungsvertrauen abermals zu Bruch. Die Inflationsangst, könnte man mit geringer Übertreibung sagen, liegt den Deutschen in den Genen. Die private Sparfreude lässt sich auch als Versuch lesen, die eigene Biographie der kollektiven Unheilsgeschichte zu entreißen. Dafür spricht auch der regionale Ursprung des Sparerwesens. Die ersten Sparkassen entstanden in norddeutschen Städten wie Hamburg, Detmold und Göttingen als Bestandteil der kommunalen Armenpflege. Nach den Befreiungskriegen nutzten die Stadtverwaltungen das auf den Konten ruhende Kapital als Kreditmasse zur Finanzierung ihrer Straßen- und Wohnungsbauprojekte. Erst im Kaiserreich, geschützt durch den „Burgfrieden“ mit der Kleinsparerpartei SPD, griff auch die Zentralregierung in Berlin nach dem Geld der Sparer.

          Solche historischen Zusammenhänge werden in der Ausstellung angedeutet, aber nicht ausgeführt. Sie wolle Fragen stellen, heißt es, doch die Fragezeichen sind den Exponaten nicht anzusehen. Ein Metallkäfig zum Geldtransport bringt die Deflationspolitik der Ära Brüning nicht zum Sprechen. Der KdF-Dampfer „Wilhelm Gustloff“ steht für eine grausige Episode, die nicht hierher gehört. Es ist die erste Ausstellung zum Thema, aber man wünschte sich, sie hätte die alten Malaisen des DHM noch entschiedener hinter sich gelassen. Wieder wird zu viel in die Fläche und zu wenig in den Raum gestellt. Die wichtigsten wie die schönsten Objekte hervorzuheben wäre die Aufgabe einer Ausstellungsarchitektur, die ihren Namen verdient. Stattdessen beherrscht die ausgebreitete Materialsammlung das Terrain. Manches spricht oder springt ins Auge, aber vieles quasselt auch nur vor sich hin.

          Heimsparbüchse Nr. 58 der Sparkasse Gornsdorf (Erzgebirge), 1912

          Das Sparen im geteilten Deutschland war die konsequente Fortsetzung des Sparwesens im „Dritten Reich“. Die Beweismittel sind erdrückend: Kinder, die sich hier wie dort auf Postern und Fotos zum Schulsparen drängen; Fernweh („Wer heute spart, kann morgen reisen“) und Familienidyll auf Werbeplakaten; Konsumversprechen („Möbelsparen“) und Geschlechterstereotype („Frauen schaffen – Frauen sparen“) zur Stärkung der Volkszufriedenheit. Auch die in Europa unbeliebte Austeritätspolitik des früheren Finanzministers Schäuble hat ihre Wurzeln in den Krisenerfahrungen des letzten Jahrhunderts, als Staatsschulden zur Wertvernichtung im nationalen Maßstab führten.

          Und doch ist mit den Niedrigzinsen im Gefolge der Finanzkrise etwas Neues über die Deutschen gekommen, das jenseits des Horizonts der Ausstellung liegt. Das verbilligte Geld sucht sich heute ein neues Anlageziel in Immobilien. Das Kapital fließt wieder in den Boden, dorthin, wo es schon die Römer vergraben haben. „Geld ablegen kann auch der Dümmste“, hat Kant festgestellt. Es kommt nur darauf an, wo.

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