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Deutsches Historisches Museum : Zwischen Nation und Inflation

„Geld ablegen kann auch der Dümmste“

Die Ausstellung legt die historischen Umbrüche und Katastrophen säuberlich nebeneinander. Ihre Wirkung auf die nationale Psyche muss man sich dazudenken. Eine Exkursion in die deutsche Literatur (die auch der Katalog leider nur halbherzig unternimmt), etwa zu den Kleinsparern Falladas und Roths, hätte der Schau ebenso gutgetan wie ein tieferer Blick in die Geschichte. Die erste große Inflation fand schon im Dreißigjährigen Krieg mit der Kipper- und Wipperzeit statt. Hundert Jahre später brachte die auf Münzverschlechterung fußende Kriegswirtschaft Friedrichs des Großen eine neuerliche Geldentwertung. Unter französischer Besetzung ging das Währungsvertrauen abermals zu Bruch. Die Inflationsangst, könnte man mit geringer Übertreibung sagen, liegt den Deutschen in den Genen. Die private Sparfreude lässt sich auch als Versuch lesen, die eigene Biographie der kollektiven Unheilsgeschichte zu entreißen. Dafür spricht auch der regionale Ursprung des Sparerwesens. Die ersten Sparkassen entstanden in norddeutschen Städten wie Hamburg, Detmold und Göttingen als Bestandteil der kommunalen Armenpflege. Nach den Befreiungskriegen nutzten die Stadtverwaltungen das auf den Konten ruhende Kapital als Kreditmasse zur Finanzierung ihrer Straßen- und Wohnungsbauprojekte. Erst im Kaiserreich, geschützt durch den „Burgfrieden“ mit der Kleinsparerpartei SPD, griff auch die Zentralregierung in Berlin nach dem Geld der Sparer.

Solche historischen Zusammenhänge werden in der Ausstellung angedeutet, aber nicht ausgeführt. Sie wolle Fragen stellen, heißt es, doch die Fragezeichen sind den Exponaten nicht anzusehen. Ein Metallkäfig zum Geldtransport bringt die Deflationspolitik der Ära Brüning nicht zum Sprechen. Der KdF-Dampfer „Wilhelm Gustloff“ steht für eine grausige Episode, die nicht hierher gehört. Es ist die erste Ausstellung zum Thema, aber man wünschte sich, sie hätte die alten Malaisen des DHM noch entschiedener hinter sich gelassen. Wieder wird zu viel in die Fläche und zu wenig in den Raum gestellt. Die wichtigsten wie die schönsten Objekte hervorzuheben wäre die Aufgabe einer Ausstellungsarchitektur, die ihren Namen verdient. Stattdessen beherrscht die ausgebreitete Materialsammlung das Terrain. Manches spricht oder springt ins Auge, aber vieles quasselt auch nur vor sich hin.

Heimsparbüchse Nr. 58 der Sparkasse Gornsdorf (Erzgebirge), 1912

Das Sparen im geteilten Deutschland war die konsequente Fortsetzung des Sparwesens im „Dritten Reich“. Die Beweismittel sind erdrückend: Kinder, die sich hier wie dort auf Postern und Fotos zum Schulsparen drängen; Fernweh („Wer heute spart, kann morgen reisen“) und Familienidyll auf Werbeplakaten; Konsumversprechen („Möbelsparen“) und Geschlechterstereotype („Frauen schaffen – Frauen sparen“) zur Stärkung der Volkszufriedenheit. Auch die in Europa unbeliebte Austeritätspolitik des früheren Finanzministers Schäuble hat ihre Wurzeln in den Krisenerfahrungen des letzten Jahrhunderts, als Staatsschulden zur Wertvernichtung im nationalen Maßstab führten.

Und doch ist mit den Niedrigzinsen im Gefolge der Finanzkrise etwas Neues über die Deutschen gekommen, das jenseits des Horizonts der Ausstellung liegt. Das verbilligte Geld sucht sich heute ein neues Anlageziel in Immobilien. Das Kapital fließt wieder in den Boden, dorthin, wo es schon die Römer vergraben haben. „Geld ablegen kann auch der Dümmste“, hat Kant festgestellt. Es kommt nur darauf an, wo.

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