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Deutsches Fußballmuseum : Wo Malochen nicht fremd ist

Die Zechen verschwinden, der Fußball bleibt - diesem Wechsel widmet sich nun eine Sonderausstellung im Deutschen Fußballmuseum. Bild: firo Sportphoto

Die Kohle läuft aus, aber der Fußball immer weiter: Ein Besuch in der Ausstellung „Schichtwechsel - FußballLebenRuhrgebiet“ in Dortmund.

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          Dass es im Fußball, zumindest für die Akteure auf dem Platz, „null mehr um Spaß geht“, hat Per Mertesacker kürzlich im „Spiegel“ zu Protokoll gegeben. Wer wissen will, was da verlorengegangen ist, der kann davon kaum besser, konkreter und unterhaltsamer eine Vorstellung bekommen als durch Willi, genannt „Ente“, Lippens. Der Linksaußen mit dem Watschelgang, der von 1965 bis 1981, mit einer dreijährigen Unterbrechung, für Rot-Weiss Essen die Stiefel schnürte, ist einer der großen Entertainer des Fußballs, ein Spaßvogel und Schlitzohr, der mit seinen Kabinettstückchen die Abwehr des Gegners schwindelig spielte und auch mit seinem Sprachwitz aus der Reihe tanzte. Viele seiner Sprüche sind Kult. So konterte der Neunzehnjährige 1965 in einem Regionalligaspiel bei Westfalia Herne das „Herr Lippens, ich verwarne Ihnen“ des Unparteiischen mit „Herr Schiedsrichter, ich danke Sie“, woraufhin er des Feldes verwiesen und für vierzehn Tage gesperrt, aber auch ein Stück unsterblicher wurde.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Wenn das Deutsche Fußballmuseum in Dortmund, ein Ozeanriese, der vor zweieinhalb Jahren gegenüber dem Hauptbahnhof andockte, die Sonderausstellung „Schichtwechsel – FußballLebenRuhrgebiet“ als seinen Beitrag zum Abschied von der Kohle eröffnet, müssen die Veteranen ran, echte Typen, wie es heute keine mehr gibt.

          Für die Fans zählt die Charakterfrage

          Ente Lippens ist einer von ihnen und zusammen mit Bernhard Dietz und Olaf Thon allererste Wahl (während Hans Tilkowski und Wolfgang Paul im Publikum sitzen). Gemeinsam repräsentiert diese Trias fünf Revierclubs: Lippens hat für Rot-Weiss Essen und zwischendurch für Borussia Dortmund gespielt, Dietz, Urgestein des MSV Duisburg, hat auch vier Jahre für Schalke gespielt und den VfL Bochum trainiert, und Thon ist Schalker mit einem sechsjährigen Bayern-Intermezzo. (Auch Rot-Weiss Oberhausen wird noch erwähnt; nur die SG Wattenscheid 09, die es ebenfalls auf vier Erstliga-Jahre bringt, wird mal wieder vergessen.)

          Der Vater und der Bruder von Dietz haben auf der Zeche Radbod in Bockum-Hövel gearbeitet, Thons Großvater Fritz ist vierzig Jahre auf Nordstern in Gelsenkirchen-Horst eingefahren. Dietz und Thon sind Kinder des Ruhrgebiets, ihre ersten Vereine, SV Bockum-Hövel und STV Horst-Emscher, wurden von Kumpels gegründet, beide sind mit dem Bergbau groß geworden und stolz darauf. Doch die Redezeit, dafür kennen sie sich zu gut, treten sie lieber an Ente Lippens ab, „dem hören wir gerne zu“.

          Dezent und schlicht: Meisterring von Borussia Dortmund Bilderstrecke

          Und wenn der erzählt, wie er („Ich bin ja von zu Hause nicht so ein Fleißiger gewesen, also nicht so lauffreudig auf dem Platz“) im Duell auf Berti Vogts („Der Berti war wie gemacht für mich“) stieß, bleibt kein Auge trocken: „Ich hatte so eine Art, dass ich den Ball abschirme, den hatte ich zwischen den Beinen liegen, und da hab ich mein Gesäß hinten rausgedrückt, und da stand der hinter mir und hat immer getrommelt, kam aber nicht dran, weil der Weg zu weit war. Der hatte ja kurze Beine, ich konnte mein verlängertes Rückgrat weit raushängen. Da war er verzweifelt. Und ich hab immer gerufen: ‚Berti, fass!‘“ Das kann Dietz, der einmal mit der ganzen Mannschaft am Freitagabend („statt ins Kino“) nach Essen zum Spiel gegen Mönchengladbach gefahren ist, aus eigener Anschauung bestätigen. „Ja“, so „Ente“ über „Ente“, „ich war schon ein verrückter Hund, aber es war mir auch wichtig, die Show mit der Zweckmäßigkeit zu verbinden: Ich hab ja nicht nur Theater gespielt, sondern auch entscheidende Tore gemacht, 92 Stück in der Bundesliga, die sprechen ja für sich!“

          Männerdomäne am Limit

          Tolle Zeiten, vergangen, aber nicht vergessen. Doch wie es weitergeht mit dem Revierfußball und ob er sich, in Zeiten der Globalisierung, der Berater und des großen Geldes, überhaupt noch unterscheidet, da waren sich Reinhard Rauball, Präsident von Borussia Dortmund, und Clemens Tönnies, Aufsichtsratsvorsitzender von Schalke 04, die sich dazu mit DFB-Präsident Reinhard Grindel austauschten, nicht so sicher: „Gerade im Ruhrgebiet wird die Ursprünglichkeit des Fußballs gelebt, gesprochen und wertgeschätzt“, befand der Schwarz-Gelbe. „Mehr als auf die regionale Herkunft und Identität kommt es auf Einstellung und Charakter an“, der Königsblaue: „Da werden es in unserer Region auch in Zukunft Spieler bei den Fans einfacher haben, denen das Wort ‚malochen‘ nicht fremd ist.“ Guido Burgstaller, ein Österreicher, beweise es gerade.

          Das Fußballmuseum stimmt lieber auf Nostalgie, eine Stellwand, die das Doppelbockfördergerüst der Zeche Zollverein vor stimmungsvollem Sonnenuntergang zeigt, dekoriert die Bühne, und die „Sonderausstellung“ legt nur eine „Spur“ durch die Dauerschau, die den Revierfußball in elf, um neue Exponate angereicherte Stationen ablaufen lässt: angefangen bei Helmut Rahn, dem größten Spieler des Ruhrgebiets, der für dessen Tugenden steht und ein Kreuz mit einem Kohlestück trug, über eine frühe England-Reise des Duisburger Turnvereins, dessen Fußballteam 1896 nach London fuhr, für die (noch gar nicht gegründete) deutsche Nationalmannschaft gehalten und mit einem Torverhältnis von null zu 46 nach Hause geschickt wurde, oder die ersten, „wilden“ Frauenfußballclubs, Rhenania Essen und Fortuna Dortmund, bis zu Mesut Özil, der – Großvater Bergmann, Vater Tankstellenpächter – als deutscher Nationalspieler türkischer Herkunft das Musterbeispiel gelungener Integration abgibt.

          So naheliegend die verbindenden Werte von Bergbau und Fußball auch sein mögen – was über sie hinausgeht, wurde nicht angesprochen. Dabei hat die Schalker Knappenschule das gleiche Strukturproblem wie die Ruhr-Universität Bochum: Die besten Absolventen sind nicht zu halten und werden abgeworben in reichere Regionen. Eine Gemeinsamkeit schließlich wurde auf dem Podium zwar sichtbar, aber nicht zum Thema: Bergbau und Fußball sind die letzten großen Männerdomänen. Nach dem Ende der Kohle bleibt nur noch eine.

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