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Deutscher Wald : Sehr viele Bäume sind ein Mythos

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Die winterliche Schneedecke nährt den Mythos von der Naturbelassenheit: der tief verschneite Habichtswald bei Kassel Bild: dpa

2011 ist das internationale Jahr der Wälder: Mit Natur und Ursprünglichkeit hat das in Deutschland entgegen einem vielbesungenen Mythos wenig zu tun. Der deutsche Wald war schon früh ein durchkalkuliertes Unternehmen.

          Wer einmal in einem wirklichen Wald war, kennt das Gefühl: Im Wald kann man im Kreis laufen, ohne dass es einem auffällt. Es gibt keine Holzwege, Wegmarken oder sonstigen Richtungsweiser. Das ist in den Resturwäldern Indonesiens nicht anders als in den tasmanischen Kaltregenwäldern oder, um mal in die Nähe zu kommen, in den Urwäldern Finnlands.

          Der Weg zur Sonne ist im Wald in der Regel durch das Kronendach der Blätter versperrt. Am Boden wächst Unterholz ungeordnet, Lianen hängen einem ins Gesicht, und moosbewachsene Stämme toter Bäume machen jeden Schritt unsicher. Zudem warten Egel auf warmes Blut, lauern überall Ameisen, deren Bisse brennend schmerzen, schreien Vögel durcheinander.

          In einem solchen Wald bieten nicht einmal die dicken morschen Stämme Orientierung. Zu verschieden wirkt alles in der Ähnlichkeit des Urwaldes, als dass einem der Wald selbst Orientierung geben könnte. Als Mensch muss man sie erst schaffen. Deshalb können die sieben großen Urwälder in Nordamerika, am Amazonas, in Sibirien oder am Kongobecken, von denen die moderne Ökologie spricht, immer noch als das Außen des abendländischen Logos gelten.

          Selbst der nationale Mythenwald kann die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit nicht befriedigen: Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald

          Waldgewordenes Kalkül

          In ihnen hilft der berühmte Ratschlag René Descartes’ nicht, mitten in einem Wald, um wieder herauszufinden, „so geradewegs wie möglich immer in derselben Richtung zu marschieren“. Und zwar deshalb nicht, weil es im Urwald kein Geradeaus gibt. Als Descartes seinen Ratschlag 1637 in seinem Werk „Von der Methode des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Forschung“ gab, hatte er den Vorteil, dass es in seiner Umgebung schon keine Wälder mehr gab, die vor dem abendländischen Logos da waren. Die Wälder Mitteleuropas waren alle schon waldgewordenes abendländisches Kalkül. Und in denen konnte man schon gut geradeaus gehen, wenn auch noch nicht in der Form, in der heute die Wege durch unsere Wälder markiert sind. Man kann aber an einem sehr schönen Wald wandernd studieren, wie Descartes’ Methode der algebraischen Geometrie Wald geworden ist. Den Wald von Compiègne, angelegt und erhalten, um den königlichen Gesellschaften eine gefahrlose Jagd zu ermöglichen, durchzieht ein schnurgerades Achsensystem von Wegen. Geradeaus angelegt, kreuzen sich die Pfade oft im rechten Winkel. Wer ihnen folgt, kommt entweder wirklich aus dem Wald heraus oder findet direkt in seine Mitte, von wo dann in alle Richtungen Wege wieder herausführen.

          Der Schönheit tut das beim Wandern auf den vielen Hohlwegen, die von Buchen, Birken, Eichen, Eschen und seltener auch von Nadelhölzern schattig bedeckt werden, keinen Abbruch. Nur ist der Wald von Compiègne damit natürlich kein wilder Wald mehr. Jeder Quadratzentimeter ist vermessen und verwaltet. Eine Strategie, die im waldwirtschaftlich betrachtet rückständigen Frankreich allerdings die Ausnahme darstellt.

          Mythos der Ursprünglichkeit

          Seine wirkliche Entfaltung fand der cartesisch vermessene und geschaffene Wald in Deutschland. Das ist nicht ohne Witz, weil der deutsche Wald in seiner Intention immer auch mit Blick auf und gegen Frankreich geschaffen wurde. „Ich gestehe, dass, Libyen ausgenommen, wenige Staaten sich rühmen können, es uns an Sand gleich zu thun“, schrieb Friedrich der Große am 10. Januar 1776 wenig stolz an Voltaire. Friedrich unterlässt danach keine Anstrengung, dort, wo Sand ist, Wald werden zu lassen. Er wird damit zu einem der Motoren einer deutschen Sonderentwicklung, die Deutschland zum „Vaterland der Forstwirtschaft“ macht und dazu führt, dass heute 31,02 Prozent des Staatsgebietes Wald sind. Wenn Deutsche nämlich ein Dorf oder eine Stadt errichten, also Häuser bauen, roden sie nicht nur den Wald, sondern pflanzen auch gleich wieder einen an. Und zwar direkt vor der Tür.

          Das hat nicht nur angenehme Folgen wie etwa frische Luft, es führt auch dazu, dass sich hierzulande der Mythos vom Wald als etwas Ursprünglichem hartnäckiger hält als anderswo. Weil der Weg in den Wald direkt vor der Haustür beginnt, macht er auch jene „Holzwege zu den Quellen“ leichter begehbar, als die der Philosoph Hans Blumenberg die Suche deutscher Dichter und Denker nach einem heilen Früher bezeichnete. Denn das Früher des deutschen Waldes war von Anfang an Ökonomie und ist der Beginn des Aufstiegs der deutschen Wirtschaft zum Exportweltmeister.

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