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Dendemann in Frankfurt : Am Dendepunkt

Ausschüttung der „Diggidende“: Dendemann in der Batschkapp Bild: Carlos Bafile

Er kennt alle Beats mit Namen: Der deutsche Rapper Dendemann, nach langer Pause zurück mit neuem Album, gibt ein umjubeltes Konzert in Frankfurt.

          Um kurz nach neun ist das „Zauberland“ zwar gerade erst abgebrannt, es glüht noch nach. Doch das Publikum im heillos überfüllten Saal der Frankfurter Batschkapp wirkt ein wenig erschöpft. Dicht gedrängt, wie eine Kolonie verkleideter Pinguine, die sich auf ein Rapkonzert verirrt hat und die Lautstärke von zu Hause nicht (mehr) gewohnt ist, wiegen sich die Hörer dem nächsten brachialen Ansturm aus Beats entgegen, den der Rapper Dendemann mit der sechsköpfigen Band Die Freie Radikale an diesem Sonntagabend in „Echtzeit“ entfacht. Das ist kein Straßenrap mehr. Das ist ein Major-Rap-Act.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Und während man noch rätselt, ob die Konzertbesucher unzufrieden oder schlicht platt sind, schüttelt Dendemann den nächsten magischen Moment aus dem Ärmel seines blau-weiß gestreiften Schlabberpullis – und kann sich sicher sein, dass alle mit ihm durch die dunklen Tieffrequenztäler wandern: Ohne dass er auch nur ein Zeichen, geschweige denn einen Befehl geben muss, gehen alle Hände hoch, als die ersten Takte von „Papierkrieg“ im neuen Bassgewand über nickende Köpfe hinweghämmern: „Alles gehört dir, eine Welt aus Papier / Alles explodiert, kein Wille triumphiert.“

          Mit Anklängen an mongolischen Obertongesang

          Es gibt Rapper, die viel erzählen. Und es gibt Rapper, die haben etwas zu sagen. Erstere kleiden Eindrücke von Reichtum, Erfolg, dem Weg nach oben und der eigenen Härte, der man die erfolgreiche Zurücklegung ebenjenes Weges zu verdanken meint, in Stichwort-Chiffren: Marken, Medikamente, Moneten, Maskulines. Mehr Ebenen gibt es selten. Dafür müssen dann erst gewisse Feuilletonisten anrücken, um mit Poststrukturalismus-Wissen Deutungsveredelung zu betreiben. Auch hier entstehen oft Chiffren, die für den Gegenstand weitgehend bedeutungslos sind.

          Die zweite Art Rapper aber verlässt sich nicht aufs Materielle. Es sind Beobachter, nicht rappende Konsumenten. Dendemann, nunmehr vierundvierzig, der seit Ende der Neunziger aus der „Vogelperspektive“ fünf Alben abwarf (zwei mit seinem grandiosen Duo Eins Zwo) und seit dem letzten („Vom Vintage verweht“, 2010) acht Jahre verstreichen ließ, bevor er sich nach einem Fernsehshow-Intermezzo nun endlich mit dem Album „Da nich für!“ wortstark zurückmeldete, ist so einer. Dazu die unverwechselbare Stimme mit Anklängen an mongolischen Obertongesang. Dendemann muss nicht schreien, um anzukommen. Selbst die Autotune-Effekte kommen dank dieser Stimme nicht wie sonst als alberne Persiflage auf Perry Como daher.

          „Kaum ein Leistungsträger ist leistungsträger“ – von wegen!

          Doch hat er nun Zweifel, weil er nach Musikermaßstäben zu lange weg war? „Frankfurt, ich war dreißig, als ich das letzte Mal hier war.“ Die Hits des neuen Albums rappt er von Beginn an zügig, aber immer genau auf den Punkt weg: „Wo ich wech bin“, „Ich dende also bin ich“, „Keine Parolen“, „Zeitumstellung“. Die Tempowechsel fordern alle Beteiligten. Vielleicht auch die politische Ladung der Songs, wider alle Wohlstandslarmoyanz, denn: „unter dem Gejammer, da lauert oft Zufriedenheit“. Deshalb ist „endlich wieder Zeit, um Stellung zu beziehen“. Wer geht mit?

          „Liebe Batschkapp, das war jetzt mal, um smooth reinzukommen. Damit sich hier keiner Illusionen macht: Das hier ist ’ne korrekte Ü40-Party“, spricht der Mann in der weiten Camouflage-Hose und rennt doch auf der Bühne immer wieder dagegen an, gönnt sich nur während der Scratch-Einlagen von DJ-Mugzee einen Wisch mit dem Handtuch über das verschwitzte Gesicht. „Kaum ein Leistungsträger ist leistungsträger“ – von wegen. Selbst in den Doubletime-Passagen, in denen die Worte doppelt so schnell aus dem Mund des Rappers sprudeln, wirken sie wie gestochen scharf in die Luft gestanzt, jede einzelne Silbe. Doch: „Es ist noch so viel zu rappen!“

          Auch Dendemann ist nun in dem Alter, in dem es vorkommen kann, dass man für fast zehn Jahre alte Songs stärker gefeiert wird als für die aktuellen Mühen. Bei „Nichtschwimmer“ rudert das Publikum begeistert von selbst mit, doch durch das infernalische „Rave-Nation“-Intro zu „Stumpf ist Trumpf“ wird es förmlich mit hineingesogen. Finale, annähernd Pogostimmung. Und plötzlich, Punkt zehn, Abgang. Und Wiederauferstehung: Dende „Hörtnichtauf“, denn, ja, das lässt sich an dieser Stelle immer noch gut aushalten: „Gott ist ein DJ und die Erde eine Scheibe.“ Jetzt geht es ihm gut, es geht ihm „sehr, sehr gut“. Dann noch einmal „Hand auf’s Herz“, alle flippen aus.

          Es gibt einen Moment in diesem Konzert, an dem man Dendemann mehr beobachtet, als dass man ihn hört. Jede Handbewegung, jeder Schwung gehört exakt zu einem Schlag, einer Snare, einem Juggle. Da steht einer, trotz aller Zweifel im Einklang mit seiner Musik und: Er kennt jeden einzelnen Beat mit Namen.

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