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Peter Körte (pek)

Deutscher Filmpreis 2022 : Fallen gelassene Favoriten gehören dazu

  • -Aktualisiert am

Das Objekt der Begierde: die Filmpreistrophäe Lola Bild: dpa

Zu viel Glamour verkraftet diese Veranstaltung nicht: „Lieber Thomas“, „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ oder doch ein Außenseitersieg? Was am Freitag beim Deutschen Filmpreis zu erwarten ist.

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          Es gibt, das war nicht erst im Lockdown zu spüren, wichtigere Dinge als die Oscars. Oder den deutschen Filmpreis. Ohnehin ist das ja kein Wettbewerb wie im Sport, wo Tore, Meter, Sekunden entscheiden und nicht zweifelhafte Geschmacksurteile von rund zweitausend Filmakademiemitgliedern.

          Wichtiger bleibt, dass die Kinos geöffnet sind, damit keine ungesehenen Filme prämiiert werden. Und auch die Akademie scheint Prioritäten zu setzen. In einem der letzten Tweets zum Filmpreis hieß es nach geglückter ISO-Zertifizierung voller Stolz: „Damit sind wir die erste und einzige nachhaltige, zertifizierte Veranstaltung der Filmbranche.“

          Wie beruhigend. Denn nachhaltig negativ im Gedächtnis geblieben ist immer noch die Preisverleihung des letzten Jahres, als Dominik Grafs fabelhafte Kästner-Adaption „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ mit zehn Nominierungen Favorit war – und die sturzbiedere Roboter-Romcom „Ich bin dein Mensch“ von Maria Schrader zum großen Sieger des Abends wurde.

          Favoritenstürze gehören dazu

          Etwas Ähnliches könnte auch in diesem Jahr passieren, wenn am kommenden Freitag im Berliner Palais am Funkturm die Lolas verteilt werden. Fallen gelassene Favoriten gehören zum deutschen Filmpreis. Andreas Kleinerts „Lieber Thomas“, ein formal mutiges und eindrucksvolles Biopic über den 2001 verstorbenen Schriftsteller Thomas Brasch, ist zwölf Mal nominiert.

          Andreas Dresens „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ zehn Mal – wobei der stets menschelnde, holzschnittartige, Gut und Böse sauber sortierende und nie verstörende Gestus von Dresens Filmen dem Akademiegeschmack am Ende eher entsprechen dürfte. Man möchte es nicht herbeischreiben, aber es wäre naiv, nicht damit zu rechnen.

          Unwahrscheinlich, dass „Große Freiheit“, eine schwule Liebesgeschichte aus dem Nachkriegsdeutschland, acht Mal nominiert, die beiden anderen Filme hinter sich lässt. Bei Sönke Wortmanns „Contra“ und Karoline Herfurths „Wunderschön“ fragt man sich, wie sie es überhaupt unter die sechs, mit jeweils einer Viertelmillion Euro bedachten Nominierten schaffen konnten.

          Wo bleibt Kristen Stewart?

          Und dass Maren Ade mit ihrer Firma Komplizenfilm Pablo Larraíns Lady-Diana-Film „Spencer“ koproduziert hat, war zwar eine Nominierung wert – aber Kristen Stewart für die beste Hauptrolle zu nominieren, das trauten sich die Akademiker dann doch nicht. Womöglich hätte sie noch gewonnen und wäre sogar gekommen, so viel Glamour hätte die Veranstaltung nicht verkraftet.

          Schweigen wir von den übersehenen, erzählerisch interessanteren Filmen wie Aleksandre Koberidzes „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“ oder Dietrich Brüggemanns „Nö“. Die müssen, wie der Hund vorm Metzgerladen, leider draußen bleiben. Auch neigt die Akademie dazu, wenn sie erst mal einen Film mag, ihn mit Preisen zu überhäufen. Das wird man in den Kategorien Regie und Drehbuch vermutlich erleben.

          Bei den Darstellern ist es etwas komplizierter. Albrecht Schuch hat letztes Jahr den Preis für die beste Haupt- und die beste Nebenrolle bekommen. Dass er in diesem Jahr für seine Brasch-Verkörperung unbedingt schon wieder gewinnen müsste, heißt nicht, dass er auch gewinnen wird. Auf Dresens Hauptdarstellerin Meltem Kaptan dagegen könnte man völlig risikolos wetten – wäre der deutsche Filmpreis für Wettanbieter reizvoll genug.

          Alte Muster, neue Gesichter

          Und wenn beim Stimmverhalten auch wieder viele alte Muster zu erwarten sind, gibt es doch 2022 ein bisschen Neues: Claudia Roth wird Monika Grütters ablösen, vielleicht sogar mit neuer Redenschreiberin.

          Das Präsidentenpaar Alexandra Maria Lara und Florian Gallenberger deutet auf einen gewissen Glamourschwund nach Ulrich Matthes, Iris Berben, Bruno Ganz und Senta Berger. Die Moderatorin des Abends, Katrin Bauerfeind, dagegen muss die Konkurrenz der vergangenen Jahre nicht fürchten. Eine neue Barbara Schöneberger wird sie nicht werden. Im Guten nicht und nicht im Schlechten.

          Es ist also nicht damit zu rechnen, dass aufregende Dinge geschehen werden. Sollte jemand eine Rede halten wie Thomas Brasch 1981 beim Bayerischen Filmpreis, die Franz Josef Strauß provozierte, wäre der Shitstorm in den sozialen Medien schon wieder vorbei, wenn die bräsige ARD um 22.55 Uhr ihre Aufzeichnung der Gala sendet. „Abschied von morgen Ankunft gestern / Das ist der deutsche Traum“, heißt es in einem Gedicht von Thomas Brasch.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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