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Deutsche Szene : Der Zusteller

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Wo er diagnostizieren könnte, vermutet er, wo er aufklären könnte, versteckt er sich im Floskelwald: Altbundespräsident Köhler in Wittenberg Bild: dpa

Der Altbundespräsident Horst Köhler predigt in Wittenberg über Vertrauen - im Schatten der Affäre um seinen Nachfolger. Dabei fehlt ihm der Mut zu Ehrlichkeit und Authentizität.

          Die Stadtkirche St.Marien in Wittenberg ist kein schlechter Ort, um sich als Christenmensch völlig frei zu fühlen. Als Martin Luther 1522 von der Wartburg hierher zurückkehrte, gelang es ihm, durch seine Invokavitpredigten den Bilderstürmern das Blut zu kühlen und die Reformation mit Vertrauen aufzuladen.

          Hierhin, an den Ort des großen Ich-Erzählers Luther, weicht die Landesregierung von Sachsen-Anhalt aus, weil das Thema „Vertrauen in die Führungseliten der Gesellschaft“ des 19.Wittenberger Gesprächs dreimal mehr Interessierte angezogen hat als erwartet. Ministerpräsident Reiner Haseloff weiß um die „Brisanz“ seiner Veranstaltung und spricht den Vertrauensverlust in die Politik offen an: „Keine Demokratie kann gegen politisch Passive bestehen.“ Fast entschuldigend fügt er an, dass in Tschechien oder Rumänien noch weniger Wähler einen Pfifferling auf die Gewählten geben. Ob das ein Trost ist?

          Einen Nachmittag lang sollte durchdekliniert werden, was Wissenschaft, Kirche, Wirtschaft, die internationale Politik und die Medienwissenschaft zu Fragen der Alltagsethik zu sagen haben. Doch das Interesse galt weder der Landesbischöfin noch dem polnischen Botschafter oder dem Ehrenvorsitzenden des Aufsichtsrates der BASF, sondern vor allem dem Altbundespräsidenten Horst Köhler. Vor den Kirchentüren, direkt vor „Tante Emmas Bier- und Caféhaus“ mit der „guten altdeutschen Küche“, ducken sich die schwarzgelackten Limousinen des Mannes, der in gewisser Weise auch ein Teil des heute diskutierten Problems ist.

          Verkleidet als sachkundiger Bürger

          Wie beim Gottesdienst perlt das Bach-Präludium von der Empore, die Köpfe in den Reihen senken sich, um sich dann zu recken, als Köhler vor den Reformationsaltar und neben die flackernden Kerzen tritt. Der Regierungssprecher hat zuvor Köhlers Werdegang in vier Blöcken zusammengefasst und muss sich nun vom Gehuldigten ergänzen lassen: „Ich befinde mich gerade im fünften Block. Da lässt sich’s auch leben.“ Ein gnadenloser Satz.

          Der frühere Bundespräsident neben Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff: „brisante“ Veranstaltung um den Vertrauensverlust in der Politik

          Während hinter ihm auf den Altarbildern das Brot geteilt wird und alle vom selben Wein trinken, fühlt sich Köhler keineswegs frei genug, um als gutgestellter Privatmann über die politische Kettenreaktion zu reden, die sein Rücktritt vor zwei Jahren auslöste. Stattdessen gibt er sich so bescheiden und verkleidet, als würde von ihm nur noch verlangt, die Rolle eines sachkundigen Bürgers zu spielen.

          Ein einziger authentischer Moment der Offenbarung

          Einer, der noch vor kurzem einem ganzen Land Führung geben wollte, behauptet nun, „keine selbstgebastelte Führungsphilosophie“ zu besitzen, sondern nur auf seine Lebenserfahrung zu vertrauen. Und weil ein solcher Bauerntrick keine wirklich authentische Antwort auf die drängendsten Fragen hervorbringen kann, laubsägt sich Köhler durch eine Exegese der ihm aufgetragenen Begriffe, spricht über Anstand und Sitte, Klarheit und Wahrhaftigkeit, nur nie über sich oder die, die er besonders gut kennt. Schwierig, schwierig mit der Gesellschaft, „denn sie hat ja keine Telefonnummer“. Sie kenne auch keinen König, keinen Oberpriester. Jeder sei seines Glückes Schmied, im gesetzlichen Rahmen, versteht sich. Gesellschaft sei das „große Ganze, das uns alle umfasst und angeht“.

          So geht es noch eine Weile weiter. Wo er diagnostizieren könnte, vermutet er. Wo er aufklären könnte, versteckt er sich im Floskelwald. Köhler hielt sich auch in seinen Amtstagen immer in der mittleren Position, die ihn dazu befähigte, auf die Oberen zu zeigen und gleichzeitig den Arm um die Unteren zu legen. So ist es auch in Wittenberg, wo er verbal den Handwerksmeister in den Arm nimmt, weil der für ihn einen „erweiterten Elitebegriff“ verkörpert. Köhler spricht davon, Eliten nicht zu überfordern, ruft aber im nächsten Satz zur Abwahl von verantwortungslosen Politikern auf, um dann wieder beim Bürger zu landen: Nur wenn wir dem Nachbarn ohne Argwohn den Briefkastenschlüssel in die Hand drücken können, sei das Vertrauen der Deutschen in ihre Mitmenschen unerschütterlich.

          Doch dann sind da die, „die vom leichtfertigen Verdacht und der entehrenden Unterstellung“ lebten: „Früher hatten die Medien vor allem Spezialisten für das genaue Verständnis, für das Lesen und Verstehen auch zwischen den Zeilen. Heute haben sie immer mehr Spezialisten für das bewusste Missverstehen und ehrenrührige Schnödigkeit.“ An dieser Stelle tritt der Altbundespräsident einmal aus der Rolle und zeigt den Gottesdienstbesuchern seine Wunden. Es wird der einzige authentische Moment bleiben.

          Als ob Bekenntnisse ansteckend seien

          Als Köhlers Bürgerpredigt vorbei ist, läuft man draußen am Büchertisch vorbei. Da liegen sie, die Biographien all derer, die dem Land so offen und unbequem dienen wollten und letztlich nicht mal unbequeme Fragen aushielten. Kurz vor Weihnachten war noch Christian Wulff nach Wittenberg gepilgert und hatte gesagt: „Man muss selbst wissen, was man macht.“ Jetzt könnte er auch hier auf dem Büchertisch liegen - zwischen Köhler, Käßmann, Sarrazin und all den anderen.

          Doch für die interessiert sich an diesem Nachmittag niemand. Die Buchhändlerin hat auch Gaucks Erinnerungen und sein neues Freiheitsbuch dabei, die sie aber in Abstand zu den Bekenntnissen der Gewesenen rückt. So, als möchte sie Ansteckungsgefahr vermeiden. Zu Beginn der Veranstaltung wurde Luther zitiert, der sich noch darauf freute, viele Herzen zu großer guter Hoffnung zu erwecken, um das Seine dazuzutun. Um mehr wäre es doch eigentlich an diesem Nachmittag nicht gegangen.

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