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Deutsche Nationalmannschaft : Auf der Suche nach dem verlorenen Wahn

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Iranische Fans der deutschen Mannschaft vor einem Gastspiel des Teams in Teheran im Jahr 2004 Bild: AP

Zwölf Jahre lang hatte ich als iranischer Fan der deutschen Mannschaft auf Rache gehofft für die Niederlage gegen Brasilien. 2014 durfte ich sie erleben. Als ich von Teheran nach Berlin kam, war alles vorbei. Warum?

          Vor vier Jahren saß ich in einem Café in Teheran, um das Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft zwischen Deutschland und Brasilien zu schauen. Außer mir gab es dort noch fünf, sechs Fans der deutschen Nationalmannschaft, der Rest, mehr als 30 Menschen, war für Brasilien. Es war ein sommerlich warmer Abend, und viele saßen vor dem Spiel noch im Café-Garten. Ein Barista war ab und zu auf Wache draußen, um allen Bescheid zu geben, falls ein Auto der Sittenpolizei am Café vorbeifuhr. Er bat mich und einige andere Frauen, uns hinter der Gartenmauer zu verstecken, damit man von außen nicht sah, dass sich Frauen und Männer hier bis spät vergnügten. Gemeinsam an öffentlichen Orten Fußball zu schauen war damals in Iran nicht ausdrücklich verboten, aber auch nicht ausdrücklich erlaubt. Alles eine Frage der Willkür. Gelegentlich haben wir bei Freunden zu Hause Fußball geschaut. Manchmal schafften wir es sogar, in einem Kino ein Spiel zu sehen. Und dieses Mal waren wir im Café.

          Im Garten entstand eine angeregte Diskussion zwischen den Deutschland- und Brasilien-Fans. Die typische Gegenüberstellung: Jogo bonito gegen Maschinenfußball. Leidenschaft gegen Disziplin. Wie immer führte die Diskussion zu gegenseitigen Beschimpfungen. Und wie immer wurden wir Deutschland-Fans als Faschisten verunglimpft. Irgendwann habe ich aufgehört, mich darüber aufzuregen. Alles, was ich zu dem Zeitpunkt wollte, war Rache, und das schon seit zwölf Jahren. 2002 war es, als ich meine Leidenschaft für die deutsche Nationalmannschaft entdeckte. Damals war ich 17 Jahre alt. Für Fußball interessierte ich mich schon als Kind, und meine Fußball-Liebhaber-Familie spielte dabei eine Rolle. Die Weltmeisterschaftszeiten waren bei uns oft sensationell. Manchmal schauten wir mit Cousins und Cousinen und Tanten und Onkeln zusammen Fußball.

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          Ein Onkel war ein treuer Fan von Italien. 1994, als Roberto Baggio im Finale den letzten Elfmeter verschoss, war er genauso versteinert wie Baggio selbst. Ein anderer Onkel erlitt einen Schock wegen Maradonas Doping. Meine Eltern mochten eher Ostblockmannschaften. Bulgarien mit Hristo Stoichkov, Rumänien mit Gheorghe Hagi. Die meisten liebten aber Brasilien. Manche wechselten ständig ihre Lieblingsteams und waren dann für die Mannschaften ärmerer Länder. Etwa das Team von Nigeria im Jahr 1994. Und wenn diese Mannschaften nicht weiter als ins Achtelfinale kamen, dann kehrten sie wieder zu dem guten alten Brasilien zurück. Iran hat sich nicht so oft für eine Fußballweltmeisterschaft qualifiziert. Deshalb haben die iranischen Menschen oft eine ausländische Lieblingsmannschaft. Brasilien, Argentinien und Italien waren immer sehr beliebt. Mit dem Jahr 2006 kam dann auch eine Welle jüngerer Spanien-Fans.

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