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Deutsche Nationalbibliothek : Nach dem Neubau ist vor dem Neubau

  • -Aktualisiert am

Der neue Anbau zur Nationalbibliothek in Leipzig verändert seine Farben je nach Lichteinfall Bild: dpa

Alles im steten Zufluss: In Leipzig wurde der Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek eingeweiht. Auf Effekthaschereien hat die Architektin Gabriele Glöckler verzichtet.

          Als im Jahr 1916 der Erstbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig fertiggestellt wurde, meinte dessen Architekt Oskar Pusch, dass im Laufe der kommenden Jahrhunderte wohl zwei Erweiterungsbauten notwendig werden könnten. Er sollte sich gründlich irren, wie Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung bei der gestrigen Einweihung des inzwischen bereits vierten Erweiterungsbaus feststellte. Pusch konnte nicht ahnen, dass das deutschsprachige Schrifttum, zu dessen lückenloser Sammlung die Nationalbibliothek gesetzlich verpflichtet ist, bis heute auf 300 000 Publikationen jährlich ansteigen würde. Tag für Tag muss die Leipziger Bibliothek, ebenso wie ihre nach der deutschen Teilung gegründete Schwester in Frankfurt, gut zwanzig neue Regalmeter mit Büchern und anderen Medieneinheiten wie CDs und DVDs in ihren Bestand aufnehmen.

          So sind denn auch rund drei Viertel des Neubaus Magazinräumen vorbehalten; er dient also vorwiegend als Bunker für das kollektive Gedächtnis. Den Rest der 14 000 Quadratmeter an neuer Nutzfläche teilen sich das bisher im Altbau ansässige Deutsche Buch- und Schriftmuseum und das kürzlich erst von Berlin nach Leipzig verlegte Deutsche Musikarchiv mit ihren Ausstellungsräumen, Lesesälen und einem Tonstudio.

          Die kubische Kantigkeit des Bücherturms

          Der Stuttgarter Architektin Gabriele Glöckler, Siegerin des internationalen Wettbewerbs von 2002, ist es gelungen, beide Funktionen des Baus, das schützende Lagern einerseits und das bereitwillige Nutzbarmachen und Zurschaustellen andererseits, in Szene zu setzen. Eine riesige, mit grausilbern schimmernden Metallplatten verkleidete Betonschale wölbt sich wie eine unverwüstliche Hülle über den Magazinbereich und lässt an einen liegenden Bucheinband denken - eine Assoziation, die erwünscht ist, aber ohne Penetranz erzeugt wird. An seiner Schauseite zum Deutschen Platz hin öffnet sich der Bau dagegen mit einer technoid-verspielten Glasfassade, die durch Farbfeldkompositionen und Wechsel von offenen und geschlossenen Partien in den Obergeschossen belebt wird. Die einladende Geste wird allerdings leider durch die spiegelnden Glasflächen eingeschränkt, die in ihrer abweisenden Sterilität an Bankbauten der achtziger Jahre erinnern.

          Alles so modern hier: Der neue Lesesaal der Deutschen Nationalbibliothek

          Der Gegensatz zum steinernen spätwilhelminischen Pathos des benachbarten Altbaus könnte kaum größer sein. Mit seiner gekrümmten Fassade nimmt der Neubau aber dessen Schwung auf und vervollständigt das Oval des Platzes. Er schiebt sich zugleich vor den hoch aufragenden fensterlosen Magazinbau aus den siebziger Jahren, ohne diesen allerdings schamvoll verdecken zu wollen. Die Architektin verkleidete den früher wegen seiner Hässlichkeit berüchtigten „Bücherturm“ mit weißen Großplatten, die seine kubische Kantigkeit und damit den Kontrast zum allseitigen Schwung des Neubaus betonen.

          Alle Beteiligten sind zufrieden

          Die räumliche Komplexität von Gabriele Glöcklers Entwurf überwältigt vor allem in den Innenräumen. Nach einem rechten Winkel muss man hier ebenso lange suchen wie in den exzentrischen Bauten eines Frank O. Gehry, Daniel Libeskind oder einer Zaha Hadid. Hier fließt alles ineinander, auf Effekthaschereien wird aber verzichtet. Die Architektin erweist sich als detailverliebte Tüftlerin, die auch Möbel zu entwerfen weiß, in denen sich ein Hauch von Futurismus mit Eleganz und Nutzerfreundlichkeit verbindet.

          Wie Peter Conradi in seinem Festvortrag zur Eröffnung herausstellte, repräsentiert der Neubau einen bei Projekten öffentlicher Hand eher seltenen Fall: Alle Beteiligten sind zufrieden. Selbst in Sachen Kosten und Bauzeit gibt es kaum Grund zur Klage. Der avisierte Fertigstellungstermin wurde nach vierjähriger Bauzeit fast eingehalten, mit knapp sechzig Millionen Euro kostete der Bau nur wenig mehr als geplant. Ein gutes Omen für die Deutsche Nationalbibliothek, die sich in Leipzig bereits an die Planung des nächsten, dann fünften Erweiterungsbaus macht.

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