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Deutsche National-E-Bibliothek : Zwangsdigitalisiert

Wer schöne Blätter anfassen will, sollte das besser vor der Deutschen Nationalbibliothek tun. Innen drin ist das nur noch eingeschränkt möglich. Bild: Frank Röth

Wir wollten doch nur ein Buch, stattdessen bekamen wir einen Bildschirm: Warum die Nationalbibliothek ihren Bestand nur noch elektronisch herausgibt.

          Seit einigen Tagen verunziert ein freiheitsbeschränkender Aushang die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) an ihren beiden Standorten in Frankfurt am Main und Leipzig. Mit unverhohlener Institutionen-Arroganz annonciert er uns, den Nutzern, dass wir in dieser Bibliothek – es ist die größte im Land – künftig keine neueren Bücher mehr bestellen können, um sie im Lesesaal zu studieren.

          Der Aushang hat den Charakter eines Erlasses, ist also ein Ukas in schönster schlimmer Zarenmanier und lautet in knapper, den Skandal zugleich benennender wie kaschierender Bürokratensprache: „Liebe Benutzerinnen, liebe Benutzer, ist ein Werk sowohl in elektronischer (digitaler) als auch in gedruckter Ausgabe vorhanden, so erhält die digitale Ausgabe ab sofort den Vorzug bei der Bereitstellung.“

          Lies digital oder lass es sein

          Konkret heißt das: Wir werden zwangsdigitalisiert. Wir können nicht mehr selbst entscheiden, in welcher Form wir eine Schrift lesen, wenn wir sie in der DNB rezipieren wollen. Wir müssen sie an einem der Bildschirme lesen, die sich im Frankfurter oder Leipziger Lesesaal finden. Wir werden also zum E-Book, zum E-Paper und zur digitalisierten Hochschulschrift verdammt und genötigt, auch wenn es davon auf Papier gedruckte Ausgaben gibt.

          Diese Ausgaben besitzt die Bibliothek zwar auch, rückt sie aber nicht mehr heraus. „Vorzug bei der Bereitstellung“ meint nichts anderes als: Lies digital oder lass es sein. In ihrem Ukas begründet die DNB diese Rezeptionssteuerung mit ihrer konservatorischen Pflicht: „Damit erfüllt die Deutsche Nationalbibliothek ihren Auftrag zur dauerhaften Sicherung und Erhaltung ihrer Bestände in zeitgemäßer Form.“ Selten so gestaunt. Gedruckte Bücher und Zeitschriften, heißt das, sind gefährdet, wenn sie benutzt werden, man muss sie also sekretieren und in den Magazinen auf Dauer verstecken, um sie zu erhalten.

          Leider nicht zitierfähig

          Folgte man solch sonderbarer Logik, hätte es öffentliche Bibliotheken im vordigitalen Zeitalter gar nicht geben dürfen, dienten sie doch zuallererst der Zerstörung ihrer Bestände. „Mehr als zwei Millionen Online-Ressourcen“, rühmt sich die DNB, befänden sich in ihrem Besitz, „mit wenigen Mausklicks“ stünden sie den Nutzern zur Verfügung: „kein Warten, keine Bestellfristen!“

          Die erste Probe aufs Exempel haben wir mit der erweiterten Neuausgabe von Johannes Frieds Studie „Die Anfänge der Deutschen“ (2015) gemacht. Als gedrucktes Werk enthält sie uns die DNB vor, auf dem Bildschirm wird uns das E-Book jedoch ohne Paginierung präsentiert, es ist also nicht zitierfähig. Es bedarf einiger umständlicher Operationen über das Druckersymbol, um eine Online-Fassung mit Seitenzahlen (es sind 1056) zu erhalten – die Studie ausdrucken aber wollten wir gar nicht, weshalb das Ganze, umständlich aufs Neue, wieder rückgängig zu machen war.

          Nicht anders erging es uns mit zwei weiteren Exempelproben, mit den E-Books der DNB von Juli Zehs jüngstem Roman „Unterleuten“ und mit Jan Wagners ausgewählten Gedichten „Selbstporträt mit Bienenschwarm“. Danach hatten wir genug. Der Ukas, an dem wir beim Verlassen der Deutschen Nationalbibliothek noch einmal vorüber mussten, lachte uns Hohn.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

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