https://www.faz.net/-gqz-78i5j

Deutsche Kunst im Louvre : Frankophobie

  • -Aktualisiert am

Die Ausstellung „De l’Allemagne“ hat hierzulande viel Kritik auf sich gezogen, weil sie mit düsteren Werken einen deutschen Sonderweg in der Kunst zeichnet. Das teils wütende französische Echo verwundert.

          2 Min.

          Der scheidende Direktor des Louvre, Henri Loyrette, hat in den vergangenen Jahren viel Lob erhalten. Unter seiner Ägide entstand die zu Recht gefeierte Dependance des Museums in Lens, die Besucherzahlen stiegen. Was immer Loyrette tat, großer Applaus in der Presse war ihm sicher; die Zeitschrift „Le Point“ begeisterte sich im April 2010 sogar dafür, wie der Chef des Louvre lässig aus einem syrischen Kampfhubschrauber stieg, um den Diktator Assad und seine Frau bei einem „kolossalen Projekt“ zu beraten.

          Weniger begeistert fielen einige Kritiken seiner aktuellen Ausstellung „De l’Allemagne, 1800-1939“ aus. Sie war ursprünglich nur als kleine Schau zu Goethe und Weimar angelegt; Loyrette befand jedoch, „man müsse dem Projekt eine ganz andere Größe geben“. Nun heißt die Ausstellung „Über Deutschland“, erstreckt sich bis ins Jahr 1939 - und wurde dafür kritisiert, auf welche Weise sie, entlang politischer Eckdaten, einen deutschen Sonderweg in der Kunst zeichnet. Adam Soboczynski hat in der „Zeit“ einen scharfsinnigen, klugen Text geschrieben, der der Ausstellung vorwirft, die Kunst zu einer problematischen Erzählung deutscher Geschichte bis 1939 zu arrangieren. Andere, auch die F.A.Z., haben ähnlich kritisch berichtet.

          Was zerstört wurde

          Diese Kritiken rufen in Frankreich ein lebhaftes Echo hervor, inzwischen wird mehr über die deutschen Reaktionen als über die Ausstellung berichtet. Loyrette selbst bezeichnet in einem offenen Brief an die „Zeit“ die deutschen Kritiken als „offen frankreichfeindliche Äußerungen“ - und macht damit aus einer Diskussion über seine Ausstellung einen politischen Skandal: Wer den Louvre kritisiert, ist frankophob; geschenkt, dass eine der schärfsten Kritiken von einer Französin verfasst worden war. Der Ton ist schrill. Es gehe den Kritikern darum, ein „schmeichelhafteres Bild Deutschlands“ zu präsentieren, argwöhnt einer der Kuratoren. Doch das Gegenteil ist der Fall: Einer der Vorwürfe lautete, dass die Ausstellung zu viel von dem weglasse, was die Nationalsozialisten zerstörten - die Werke der als „entartet“ diffamierten Kunst, das Bauhaus, alles, was den Louvre-Kuratoren als „zu internationale Strömung“ erschien, wie sie dem „Figaro“ erklärten.

          Doch gerade weil die Ausstellung all dies auf der Suche nach eindeutiger Deutschem fortlässt, weil sie am Ende die „condition humaine“ bemüht und mit Anselm Kiefers mythenschwerem Monumentalwerk endet, kann erst das Bild einer dunklen deutschen Natur entstehen, welcher - so legen es die Saaltexte nahe - eine schicksalshafte Grundkonstante zwischen Apollinischem und Dionysischem innewohne. Es ist so gesehen ein Akt reiner Frankophilie, zu tun, was die Ausstellung mutwillig unterlässt: darauf hinzuweisen, wie viel die deutsche Kunst durch alle Epochen hinweg der französischen verdankt, wie wenig sie von ihr zu trennen ist.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Und das soll Demokratisierung sein?

          Künstler gegen Viagogo : Und das soll Demokratisierung sein?

          Wer im Internet Konzertkarten kauft, landet oft bei der Ticketbörse Viagogo. Bands wie Rammstein und Die Ärzte wehren sich gegen den Zweitmarkt für Eintrittskarten, der wächst – und Besuchern überteuerte oder ungültige Karten andreht.

          Filmkomponist Ennio Morricone verstorben Video-Seite öffnen

          Spiel mir das Lied vom Tod : Filmkomponist Ennio Morricone verstorben

          Die italienische Filmmusik-Legende Ennio Morricone ist tot. Er starb im Alter von 91 Jahren in einer Klinik in Rom. Morricone gilt als einer der größten Komponisten der Filmgeschichte. Berühmt wurde er unter anderem mit Titelmelodien den Kultfilm „Spiel mir das Lied vom Tod“.

          Heroisch wie im Film

          Richard Neutras Häuser : Heroisch wie im Film

          Das Wohnen in der Wüste wird wieder aktuell: In Wien feiert man die Wohnhäuser des großen österreichisch-amerikanischen Architekten Richard Neutra.

          Topmeldungen

          Segregierte Schulen : Das weiße Amerika bleibt unter sich

          Heute gibt es in Amerika mehr Schulen mit fast nur weißen oder fast keinen weißen Schülern als vor 30 Jahren. Das liegt auch an den Entscheidungen weißer Eltern – auch solchen, die seit Wochen „Black Lives Matter“ rufen.
          Ein Coronatest in Gütersloh Ende Juni

          Nach dem Gütersloh-Beschluss : Leitplanken für Lockdowns

          Darf ein Land keine Ausgangssperren mehr verhängen, wenn ein Corona-Hotspot auftaucht? Doch, sagen die Richter in ihrem Gütersloh-Beschluss. Es darf nur nicht Ungleiches gleich behandeln.
          Wie viele Klamotten, die wir besitzen, tragen wir eigentlich?

          Nachhaltiges Design : Wie kann Mode die Welt verändern?

          Nina Lorenzen, Vreni Jäckle und Jana Braumüller beschäftigen sich seit Jahren mit nachhaltiger Mode. Nun haben sie ein Buch darüber herausgebracht, das zeigen soll: Mit Mode kann man die Welt verändern.
          Bela B Felsenheimer von Die Ärzte

          Künstler gegen Viagogo : Und das soll Demokratisierung sein?

          Wer im Internet Konzertkarten kauft, landet oft bei der Ticketbörse Viagogo. Bands wie Rammstein und Die Ärzte wehren sich gegen den Zweitmarkt für Eintrittskarten, der wächst – und Besuchern überteuerte oder ungültige Karten andreht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.