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Deutsche in der Türkei : Das Paradies in der Parallelgesellschaft

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„Irgendwann kommt der deutsche Schweinehund durch, und du willst deutsches Essen haben“: Deutsche an der türkischen Riveira Bild: Gulsin Ketenci/NarPhotos/laif

Alle reden von kultureller Integration. Wie gelingt sie den vielen Deutschen, die in der Türkei leben? Und wie verändert sich die dortige Kultur infolge der Zuwanderung? Ein Ortstermin.

          „Irgendwann kommt der deutsche Schweinehund durch und du willst deutsches Essen haben“, sagt Willi Fillbach. Deswegen gibt es auch in seiner „Traditionsgaststätte“, direkt am berühmten Kleopatra-Strand, Speisen wie Rührei mit Schinken und Bratkartoffeln oder Eintopf mit Wursteinlage, zu je 2,95 Euro. Ein türkischer Koch bereitet die Spezialitäten zu. Willi hat ihn höchstpersönlich in die Geheimnisse der deutschen Küche eingeweiht. Hier gibt es auch deutsches Bier, frisch gezapft. An den Tischen sitzen Männer mit weißen Frotteesocken in Sandalen und Frauen mit grauen, dauergewellten Haaren.

          Für die Einheimischen mag dies wie ein Ort aus einer fremden Galaxie erscheinen, aber für Deutsche ist das ein Stück Heimat. Oder doch die vielzitierte Parallelgesellschaft? „Jeder hat so seine Gewohnheiten“, sagt Willi und fragt: „Muss man sich denn immer entscheiden, ob man türkisch oder deutsch sein will, geht nicht beides?“ Das Beherrschen der Landessprache wird ja generell als wichtiges Merkmal einer gelungenen Integration angesehen. Doch Willi spricht, das gibt er offen zu, nur gebrochen Türkisch. Er meint, man schaffe es auch so, sich zu verständigen. Viele Türken könnten ja ohnehin Deutsch. Der Duisburger, der vor 24 Jahren nach Alanya kam, hat die Entwicklung der kleinen Hafenstadt zur aufstrebenden Touristenmetropole in allen Phasen miterlebt.

          „Sie wollen doch nicht etwa Schweinefleisch kaufen?“

          Zurzeit leben hier schätzungsweise 6000 Deutsche, eigentlich nicht viel für eine Stadt mit 270 000 Einwohnern. Trotzdem haben sie Alanya ihren Stempel aufgedrückt, mit ihnen stieg auch die Lebensqualität in der Stadt. Die deutsche Gründlichkeit, manche nennen es Besserwisserei, hat Spuren hinterlassen: Fahrradspuren wurden angelegt, der Müll verschwand von der Straße - alles auf Anregung der Neubürger. Fehlt nur noch das Dosenpfand.

          „Im Februar haben wir Fastnacht gefeiert“, sagt Willi beiläufig. Es sei ein wenig laut geworden, und die Nachbarn hätten sich beschwert. Türken? „Nein, Deutsche!“ Er kann es nicht fassen, dass er sich hier mit renitenten Landsleuten herumschlagen muss. Dabei liegt das Paradies direkt vor seiner Tür: das glitzernde Meer, an dem sich Sonnenhungrige drängen, die Palmen an der Strandpromenade, auf der erholungsbedürftige Menschen defilieren. Die Geschäfte laufen gut, seitdem auch zahlungskräftige Auswanderer die Stadt für sich entdeckt haben. Doch nun sind die Mieten und Lebenshaltungskosten gestiegen, auch die Immobilienpreise. Bei einigen Türken wachsen die Bedenken, dass durch den westlichen Einfluss die eigenen Wertvorstellungen unter die Räder kommen könnten.

          Es gibt auch einen Schweinemetzger in Alanya, nicht leicht zu finden. Der alte Mann mit Käppi und Gebetskette beschreibt den Weg nicht ohne Warnhinweis: „Sie wollen doch nicht etwa Schweinefleisch kaufen?“ In diesem eher konservativen Viertel hat der Besitzer von „Pork & Deli“ nicht nur wegen seines Ohrrings keinen leichten Stand. Aus Rücksicht auf die Gefühle seiner Landsleute hat er die Schnitzel und Koteletts aus der Auslage entfernt, dafür liegen jetzt rosa Plüschschweinchen im Schaufenster.

          Dienstleistung wird hier großgeschrieben. So hat sich auch Remzi selbständig gemacht und nach seiner Rückkehr aus Deutschland zum „Reiseführer“ umgeschult. „Die Deutschen sind hochnäsig“, meint er. Klar, sie würden Geld ausgeben und so zum Wohlstand der Stadt beitragen, aber anpassen wollten sie sich nicht. Manchmal habe er das Gefühl, es sei sogar andersherum. Die Einheimischen passten sich den hier lebenden Deutschen an. Streunende Hunde dürften jetzt nicht mehr vergiftet werden - die Deutschen hätten sich beschwert. Die deutsche Tierliebe, auch in der Türkei wird sie ausgelebt.

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