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Bahn-Glosse : Mehr Bewegung

Seit’ an Seit’ im Kopfbahnhof: abfahrbereite ICEs iin Leipzig Bild: Picture-Alliance

Als eine Durchsage eine halbe Stunde nach geplanter Abfahrt das vornehmste Bemühen eines Lokführers versprach, hielt es die Passagiere nicht mehr lange auf den Sitzen: über den ICE, seine Türen und einen bewegenden Morgen in Leipzig.

          In den guten alten Zeiten – älter als unsereiner selbst – schlossen Schaffner die Türen der Züge mit der Hand. Später – dann schon zu unseren Fahrenszeiten – gab es eine manuell gesteuerte mechanische Zentralverriegelung. Heute erfolgt alles auf Computerbefehl, und deshalb fürchten wir beim Bahnfahren (oder besser: beim Bahnstillstand) kaum etwas so sehr wie interne Durchsagen à la „Der Zugbegleiter in Wagen 5 wird gebeten, die Schließung der Türen zu gewährleisten“. So gehört am Donnerstagmorgen um 6.48 Uhr, dem fahrplanmäßigen Abfahrtzeitpunkt eines ICE von Leipzig nach Frankfurt am Main. Dazu erklang das charakteristische abbrechende Piepen einer Zugtür der Deutschen Bahn, die sich nicht schließen will – wir saßen nahebei, in Wagen 4.

          Gegen 6.55 Uhr wurde ein technisches Problem verkündet, das aber durch einen „Restart“ in Wagen 5 zu beseitigen sei – „wir bitten noch um ein paar Minuten Geduld“. Um 7.05 Uhr waren diese vergangen und die Versuche erkennbar gescheitert, das abbrechende Piepen hielt an, also müsse nun, hieß es, „ein Restart des ganzen Zuges“ durchgeführt werden. Um 7.10 Uhr waren die Vorbereitungen dazu endlich abgeschlossen, denn die Fahrgäste wurden gewarnt, dass „nun die ganzen Lichter ausgehen und sich die Türen im Zug schließen werden“. Wenn wir ehrlich sind, hatten wir Letzteres schon seit mehr als zwanzig Minuten gehofft, Sorgen darum machten wir uns also nicht wirklich. Weitere zehn Minuten später erfolgte nach Wiederaufleuchten der Lichter die bemerkenswerte Durchsage: „Zurzeit versucht der Lokführer, seinen Zug wieder in Bewegung zu bringen.“

          Dieses vornehmste Bemühen seines Berufsstandes brauchte abermals einige Zeit; um 7.25 Uhr verließen die ersten Passagiere den stehenden Zug, bezeichnenderweise taten sie das in Wagen 5, wofür sie die Außentüren öffneten, die also zuvor geschlossen gewesen sein mussten. Das gab dem Zug offenbar den Rest, denn schon um 7.27 Uhr war aus den Lautsprechern zu erfahren, dass man nicht wisse, wann es weitergehen werde, weshalb die Reisenden in einen anderen, um 7.33 Uhr vom Nachbarbahnsteig nach Frankfurt aufbrechenden ICE umsteigen sollten. Gesagt, getan, selten sah man Menschen am frühen Morgen so bewegt.

          Pünktlich um 7.33 Uhr erfolgte denn auch die Abfahrt in Leipzig, allerdings die des gerade erst verlassenen ICE, der sich mit vorbildlich geschlossenen Türen auf den Weg machte – nach irgend- oder nirgendwo. Überholt haben wir, die wir drei Minuten danach schließlich auch losfahren konnten, den zuvor aufgebrochenen ICE auf der Strecke nach Frankfurt jedenfalls nicht mehr.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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